JOCHEN KELTER: Stiftung musste selber Projekte lancieren

Der langjährige Stiftungsrat der Thurgauer Kulturstiftung verteidigt den Jazz-Förderer Robert Fürer. Im Gegensatz zu heute erhielt die Stiftung nach ihrer Gründung kaum Gesuche.

Thomas Wunderlin
Drucken
Teilen
Generations-Jazzfestival 2010: Giorgos Antoniou vom Joe-Haider-Trio zupft den Bass in der Frauenfelder Piano-Bar. (Bild: Susann Basler)

Generations-Jazzfestival 2010: Giorgos Antoniou vom Joe-Haider-Trio zupft den Bass in der Frauenfelder Piano-Bar. (Bild: Susann Basler)

Interview: Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Jochen Kelter, weshalb melden Sie sich in der Debatte über die Kulturstiftung des Kantons Thurgau zu Wort?

Diese läuft ja seit Wochen. Nach dem letzten Artikel in der Thurgauer Zeitung vom 24. November mit dem Titel «Zwischen Schande und Skandal» habe ich gedacht, jetzt ist dann mal fertig. Da sind einige Leute nicht informiert, wie die Stiftung entstanden ist und was ihre Aufgabe ist.

Es ging darin um die Debatte im Grossen Rat über die Kulturstiftung.

Zum Beispiel hat ein Herr Martin, SVP Romanshorn, die Kulturstiftung als Selbstbedienungsladen bezeichnet. Dabei erwähnte er den ersten Präsidenten der Stiftung, Robert Fürer, und dessen Projekt, das Jazz-Festival Generations. Da muss man wissen, dass die Thurgauer Kulturstiftung anfangs gar keine Gesuche erhielt. Sie lancierte deshalb selber Projekte.

Heute erhält sie jährlich über 100 Gesuche, von denen sie gut die Hälfte gutheisst.

Erst mit der Zeit wurde bekannt, dass man Gesuche eingeben kann. Die Kulturstiftung lancierte auch die Frauenfelder Lyriktage, dafür waren ich und Beat Brechbühl engagiert. Die Lyriktage waren eine nationale Angelegenheit, denn sie waren in den 1990er-Jahren das einzige Lyrikfestival der Schweiz. Die Kulturstiftung vergab über das «Forum andere Musik» Kompositionsaufträge. Später kam das Literaturhaus Bodman in Gottlieben dazu. Da waren natürlich auch Stiftungsräte involviert. Robert Fürer war weder Komponist noch Lyriker. Er hat nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet, als Anwalt hatte er das gar nicht nötig. Er war innerhalb des Stiftungsrats verantwortlich für das Jazzfestival, so wie ich für die Lyriktage verantwortlich war.

Das ist eine Weile her.

Wenn Fürer heute in diesem Zusammenhang erwähnt wird, dann sage ich, wie es wirklich war. Auch Brechbühl und ich traten an den Lyriktagen nie als Autoren auf.

Gegen Sie gab es ähnliche Vorwürfe wie gegen heutige Stiftungsräte, weil Sie selber Fördergeld erhielten. Sollen Stiftungsräte diese Möglichkeit haben?

Das finde ich nach wie vor richtig. Es ist aber meine Erfahrung, dass Gesuche von Stiftungsräten eher strenger beurteilt werden als andere,was ich auch richtig finde. In meiner dreizehnjährigen Amtszeit erhielt ich ein einziges Mal einen kleinen Beitrag für ein Buch.

Hätten Sie darauf nicht verzichten können, wenn es – wie Sie sagen – nur ein kleiner Beitrag war?

Vielleicht. Ich weiss nicht mehr, wie die Situation genau war.

Finden Sie nicht, es schade dem Ruf der Kulturstiftung, wenn Stiftungsräte eigene Gesuche stellen dürfen?

Nein, es ist kein Problem, wenn die Auflagen so streng sind, wie ich sie erlebt habe, und man das klar kommunizieren kann. Ich erhielt beispielsweise keine Einsicht in die Unterlagen, bei der Beratung trat ich in den Ausstand. Sonst müssten Stiftungsräte während ihrer Amtszeit ihre Arbeit ruhen lassen, was man, wie ich finde, nicht verlangen kann. Die Stiftung braucht immer wieder neue Stiftungsräte. Es gibt im Thurgau nicht Tausende von Kulturschaffenden.

Man könnte Leute von ausserhalb wählen.

Leute aus Zürich oder Basel brauchen die Hälfte ihrer Amtszeit, um draus zu kommen, was im Thurgau läuft. Man könnte sagen, es brauche gar keine Kulturschaffende in der Stiftung. Ich halte es aber für eine grosse Errungenschaft, dass in der Kulturstiftung Vertreter des öffentlichen Lebens, Kulturvermittler und Kulturschaffende zusammen Einsitz nehmen. Das war zur Zeit der Gründung der Stiftung ein grosser Fortschritt.

Ist diese Vorgehensweise auch heute noch richtig?

Ja. Ich habe immer wieder festgestellt, dass nicht nur wir Kulturschaffenden etwas gelernt haben über die Politik. Auch die Politiker haben etwas gelernt. Es war eine gute wechselseitige Beziehung. Anfangs nahm ja der für Kultur zuständige Regierungsrat direkt Einsitz in die Kulturstiftung. Später delegierte er den Departementssekretär. Die Regierung hatte vielleicht Angst, die Sache könne ihr aus dem Ruder laufen. Sie war nicht so überzeugt. Das war erst der Fall, als Leute von aussen sagten, was habt ihr für ein tolles Modell.