Jetzt sitzt der neue Freund im Garten

Das Sonntagsgericht

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Die beiden Männer kennen sich kaum, und sie wollen nichts voneinander wissen. Keinem kommt ein Grusswort über die Lippen, als sie sich im Münchwiler Gerichtshaus begegnen. Der eine ist ein 51-jähriger eingebürgerter Türke, Mitarbeiter eines Transportunternehmens, Vater zweier erwachsener Kinder, geschieden. Der andere ist ein 58-jähriger Schweizer, Mitarbeiter einer Hauswartfirma, liiert mit der Exfrau des andern.

An einem schönen Sommerabend des letzten Jahres besuchte der jüngere der beiden seine Frau in ihrem Einfamilienhaus, wo sie mit der Tochter wohnt. «Ich wollte in Ruhe mit ihr über die Scheidung reden», sagt er dem Gericht in fast perfektem Schweizerdeutsch. Nur den bestimmten Artikel lässt er konsequent weg. Er wirkt aufgeregt. Als die Befragung durch die Richterin vorbei ist, atmet er auf und hält sich die Hand gegen den Bauch.

Auch Tochter und Sohn wollte der Jüngere beim Familientreffen dabei haben. Die Tochter war da, der Sohn nicht erreichbar. Ausserdem war einer da, den der Jüngere nicht dabei haben wollte: Der Ältere, der neue Freund seiner Frau. Er sass im Garten mit ihr zusammen.

Die Frau eilte zu ihrem Mann, der im Haus blieb. Die Eheleute gerieten aneinander. «Es ist schnell laut geworden», sagt der mittlerweile Geschiedene.

Der Ältere hörte im Garten, wie der Jüngere im Haus drin zu seiner Frau sagte: «Sag dem da draussen, er solle in dreissig Sekunden weg sein oder ich mache ihn kalt.» Das habe der Jüngere mindestens dreimal geschrien. «Ich habe Herzklopfen bekommen», sagt der Ältere. «Ich wusste, dass er Waffen daheim hat.»

Die Waffen seien nur fürs Obli­gatorische und für den Sport, kommentiert der Jüngere. Er schüttelt immer wieder den Kopf und lacht ungläubig, wenn der Ältere spricht. Er bestreitet, dass er den Älteren bedroht habe. Er habe zu seiner Frau nur gesagt, sie solle den Älteren wegschicken, damit sie in Ruhe reden könnten: «Sonst werfe ich ihn eigenhändig hinaus.»

Nach über einer halben Stunde sah der Jüngere ein, dass aus dem ruhigen Gespräch nichts werden würde, und machte sich davon. Die Frau und ihre Tochter seien weinend zurückgeblieben, sagt der Ältere. Sie seien alle drei «wie durch den Wind» gewesen: «Da habe ich die Polizei angerufen.»

Der Staatsanwalt erliess einen Strafbefehl gegen den Jüngeren wegen Drohung. Dabei stützte er sich auf die Befragungsprotokolle der Polizei. Nachdem der Jüngere mit Hilfe eines Anwalts Einsprache erhoben hatte, befragte der Staatsanwalt ihn und die Zeugen nochmals. In seinem Schlussbericht hielt er am Strafbefehl fest. Paradoxerweise bezweifelte der Staatsanwalt aber nun, dass die Zeugenaussagen für eine Verurteilung ausreichten. So sei es unklar, ob der Jüngere dem Älteren dreissig Sekunden oder drei Minuten Zeit gewährt habe. Ebenso sei unklar, ob er ihn «kalt» oder «kaputt» machen wollte. Zum Zeitpunkt der angeblichen Drohung gebe es ebenso unterschiedliche Angaben, auch zum genauen Ort, an dem sie der Jüngere ausgestossen habe. Trotz dieser Widersprüche vermutete der Staatsanwalt ausserdem, der Freund, die Frau und ihre Tochter hätten ihre Aussagen abgesprochen.

Bei dieser Anklage hat der Verteidiger leichtes Spiel. Das Gericht erlässt einen Freispruch. Auch wenn es im juristischen Sinn keine Drohung sei, sagt die Richterin zum Jüngeren, «ist es nicht anständig, jemandem zu sagen, ich werfe dich hinaus». (wu)