«Jesus war ein Flüchtling»

Aufgewachsen in Lanterswil: Paul Hinder ist bekannt als Bischof von Arabien. Er lebt in Abu Dhabi und ist als katholisches Oberhaupt für mehrere arabische Länder zuständig. Seine Erfahrungen mit dem Islam hat er in einem Buch niedergeschrieben.

Ida Sandl
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Der Bischof von Arabien sitzt im Garten vom Haus der Kapuziner Zürich-Oerlikon – er ist ein Thurgauer: Paul Hinder. (Bild: Andrea Stalder)

Der Bischof von Arabien sitzt im Garten vom Haus der Kapuziner Zürich-Oerlikon – er ist ein Thurgauer: Paul Hinder. (Bild: Andrea Stalder)

Herr Bischof Hinder, Ihnen wäre ein moslemisches Europa lieber als ein religionsloses. Können Sie das erklären?

Paul Hinder: Ich denke dabei an den Mainstream-Islam, nicht an den Terror des Islamischen Staates. Solche gewaltbereiten Gruppen hat es in jeder Religion gegeben. Ich sage auch nicht, dass ich ein moslemisches Europa will. Aber ich bin überzeugt, dass jede der grossen Weltreligionen viel zu einem menschlicheren Umgang in der Gesellschaft beiträgt, Wenn die Religion nicht mehr da ist, werden auch viele Werte verschwinden.

Wären der Menschheit nicht auch viele Greueltaten erspart geblieben, wenn es nicht immer religiöse Fanatiker gegeben hätte?

Hinder: Man kann jede Religion auf ihre Greueltaten reduzieren. Aber das macht nur einen Bruchteil des Gesamten aus. Es wird sehr viel gute und soziale Arbeit von gläubigen Menschen geleistet, das gilt auch für den Islam.

In Abu Dhabi haben Sie aber mit einem Islam zu tun, der Christen gegenüber nicht sehr tolerant ist.

Hinder: Das würde ich wenigstens im Blick auf die Vereinigten Arabischen Emirate bestreiten. Wir können unsere Gottesdienste frei feiern. Wir können Bauland für Kirchen erwerben. Man darf die Situation in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht mit Saudi-Arabien oder Jemen vergleichen, wo das Christentum sehr eingeschränkt ist. Wobei die Gewalt in Jemen mehr mit dem Bürgerkrieg als mit dem Islam zu tun hat.

Ein Turm ist den katholischen Kirchen in den arabischen Emiraten aber nicht erlaubt?

Hinder: Nein, kein Kirchturm, und es darf auch kein Kreuz aussen an der Kirche angebracht werden. Wir haben nach innen die volle Freiheit, aber das Christentum darf nicht nach aussen sichtbar sein.

Ist das nicht mit dem Minarett-Verbot in der Schweiz vergleichbar?

Hinder: In gewissem Sinne ist es vergleichbar. Allerdings ist die Schweiz ein Land, das die Menschenrechte hochhält und in dem die Religionsfreiheit in der Verfassung verankert ist. Da gelten höhere Massstäbe.

In Ihrem Buch schreiben Sie, es führt kein Weg am Dialog zwischen Christentum und Islam vorbei.

Hinder: Die Zukunft dieser Welt hängt vom Frieden zwischen Moslems und Christen ab. Sie machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Dialog heisst, dass man zu verstehen versucht, was der andere glaubt und was ihm wichtig ist. Ich erschrecke über die Unkenntnis mancher Christen, was den Islam angeht. Aus der Unkenntnis heraus entstehen Ängste. Das gilt übrigens auch umgekehrt für Moslems in Bezug auf Christen.

In manchen Suren des Korans ist die Rede davon, den Ungläubigen die Köpfe abzuschlagen.

Hinder: Es gibt im Koran zweifellos Texte, die hinterfragt werden müssen. Der Koran ist ein Buch, das in seinem historischen Kontext gesehen werden muss. Auch im Alten Testament finden sich martialische Texte.

Müsste sich die gläubige moslemische Elite nicht stärker von diesen Suren distanzieren?

Hinder: Da besteht sicher Nachholbedarf. Ich würde mir auch wünschen, dass solche zweifelhaften Texte aus dem damaligen historischen Zusammenhang besser erklärt und damit auch relativiert würden.

Warum fällt das auch aufgeschlossenen Moslems schwer?

Hinder: Wenn man der betreffenden Religion angehört, ist man in einer Art Verteidigungsposition und versucht zu retten, was zu retten ist. Dazu kommt, dass in islamischen Ländern der Verbund in der Familie stark ist. Das ist auch ein Grund, sich nicht allzu progressiv zu äussern, und sich damit der sozialen Ächtung auszusetzen.

Wie wird in den arabischen Emiraten der IS gesehen?

Hinder: Mit grossem Schrecken. Der Kampf des IS richtet sich nicht primär gegen Christen, sondern gegen etablierte Machthaber. Für die meisten Moslems sind nicht die Christen das Problem, sondern die radikalen Elemente innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft.

Warum tut sich die westliche Gesellschaft so schwer mit dem Islam?

Hinder: Es ist eine fremde Welt. Auch ich musste mich an die lauten Rufe der Muezzin gewöhnen, ebenso wie Moslems an die Kirchenglocken. Beides kann einem auf die Nerven gehen, wenn man den Sinn dahinter nicht erkennt. Wir sollten gegenseitig Respekt haben vor den religiösen Praktiken des anderen.

Sie sagen, dass der Islam Sie auch beeindruckt.

Hinder: Mich beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit Moslems ihren Glauben im Alltag praktizieren. Wenn ich bei einer Familie zum Essen eingeladen bin, scheuen sich diese nicht, beim Gebetsruf innezuhalten und sich für einige Minuten zum Gebet zurückzuziehen. Bei uns wird das Tischgebet kaum mehr gebetet, schon gar nicht, wenn jemand zu Besuch ist.

Sind der westlichen Gesellschaft ihre Glaubensrituale abhanden gekommen?

Hinder: Es steckt mehr dahinter als Rituale. Nehmen wir als Beispiel die Pilgerreise nach Mekka, die jeder gläubige Moslem mindestens einmal in seinem Leben antreten muss. Das ist ein übergreifender Akt der Solidarität über gesellschaftliche Barrieren hinweg. Alle sind gleich gekleidet, es spielt keine Rolle, was einer ist oder was er hat. Wir denken immer, wir hätten das Monopol in Sachen Menschlichkeit. Im echten Islam ist die Ehrfurcht vor dem Leben ein hohes Gut.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie in der Schweiz zu Besuch sind?

Hinder: Das Verschwinden der sichtbaren Zeichen von Religion. Nur eine Minderheit scheint an religiösen Inhalten interessiert. Die Menschen wissen zum Teil gar nicht mehr, was es mit den religiösen Symbolen oder nur schon mit den Bildern in den Kirchen auf sich hat. Das kollektive religiöse Gedächtnis verschwindet.

Macht Ihnen das Angst?

Hinder: Es ist eine gewisse Entwurzelung. Ich frage mich, ob man Werten Sorge tragen wird, deren Ursprung man nicht mehr kennt.

Die Christen in Ihrem Bistum sind Migranten, die als ausländische Arbeitskräfte nach Abu Dhabi gekommen sind.

Hinder: Ja, wir sind eine Kirche von Migranten für Migranten, angefangen beim Bischof.

In Ihrem Buch steht der Satz: «Jesus war ein Flüchtling». Was heisst das für einen Christen in dieser Zeit der Flüchtlingsströme?

Hinder: Ich habe keine Standard-Antwort. Ich kann nicht sagen: Alle aufnehmen. Aber ich sage auch nicht, man soll Mauern bauen. Es ist ein Ringen um die richtige Lösung. Angesichts der jetzigen Migration kann ich die Ängste der Menschen in den Industriestaaten verstehen. Trotzdem riecht es für mich stark danach, dass man den eigenen Wohlstand beschützen will.

Kann man als Christ die Flüchtlingsfrage ausklammern?

Hinder: Nein, man kann nicht so tun, als hätte das mit unserem Glauben nichts zu tun. Genau genommen ist die Ausbreitung des Christentums ja auch eine Migrationsgeschichte.

Was ist die Konsequenz daraus?

Hinder: Wie gesagt, ich habe keine Lösungen. Aber vielleicht kann uns dieses Bewusstsein verständnisvoller gegenüber den Migranten machen. Wir sollten die Erinnerung in uns wach halten, dass auch wir nicht immer hier gewesen sind. Und noch etwas: Der Schutz der Fremden und die Gastfreundschaft sind schon im Alten Testament sehr tief verwurzelt und in Matthäus 25 einer der Massstäbe, nach denen wir einst am Ende gerichtet werden.