Jenseits von Eitelkeit

Jakob Thurnheer wirkte vier Jahrzehnte in der Lokalpolitik. Seine Stationen waren Buch bei Frauenfeld, Uesslingen und zuletzt Müllheim. Ende Mai beendet der Landwirt seine Karriere und hat nun wieder mehr Zeit für seine Harley.

Stefan Hilzinger
Drucken
Teilen
Jakob Thurnheer in seinem Müllheimer Büro. Noch wenige Tage ist er als Gemeindeammann im Amt. (Bild: Reto Martin)

Jakob Thurnheer in seinem Müllheimer Büro. Noch wenige Tage ist er als Gemeindeammann im Amt. (Bild: Reto Martin)

MÜLLHEIM. Die Politik ist kein Ort für persönliche Eitelkeiten. Jakob Thurnheer strahlt das aus. «In einem Gemeinderat hat es keinen Platz für Selbstdarsteller», sagt er. Und doch hat sich Thurnheer, der Ende Mai als Müllheimer Gemeindeammann in den Ruhestand tritt, in den vergangenen vier Jahrzehnten als Lokalpolitiker ein Stück weit selbst verwirklicht.

Früh kam der Landwirt aus Buch bei Frauenfeld in Kontakt mit dem Milizsystem. Mit Mitte zwanzig wählten ihn die Bucher in die Ortskommission. 18 Jahre gehörte er der Kommission an. «Da wollte ich eigentlich aufhören mit der Politik.» Schliesslich war und ist er mit Leib und Seele Landwirt. «Kühe begeistern mich noch heute. Mit der Müllheimer Gemeindeverwaltung reisten wir einmal an die Viehscheid ins Allgäu. Ich gab den Fachkommentar ab», sagt er.

Chance und Verpflichtung

Doch als 1995 die Politische Gemeinde Uesslingen-Buch entstand, kam die Bevölkerung auf Thurnheer zurück, und er sagte Ja zu einem Teilzeitamt als Gemeindeammann. Eine Chance für den Landwirt, Neuland zu betreten, und eine Verpflichtung für den Staatsbürger, sich für die Öffentlichkeit zu engagieren. «Ich bin weiterhin begeistert von unseren demokratischen Einrichtungen.» Nach zehn Jahren als Gemeindeammann in Uesslingen-Buch lockte der Ruf aus Müllheim. Die Gemeinde hatte turbulente Zeiten hinter sich, der Gemeindeammann trat während der Legislatur zurück, die Gemeinderäte hatten ihm die Unterstützung versagt.

Landwirt Jakob Thurnheer, damals 55, setzte zum grossen Sprung an. Es war klar, dass niemand in der Familie den Hof in Buch übernehmen wollte, und Thurnheer, damals auch Mitglied im Grossen Rat, bewarb sich um das Vollamt in Müllheim. «Ich habe den Schritt nie bereut», sagt er nun, zehn Jahre später. Müllheim bringt ihn ins Schwärmen: «Die Gemeinde hat sich toll entwickelt.» Für Jakob Thurnheer gibt es keine politischen Niederlagen. «Wenn die Gemeindeversammlung einen Antrag der Behörde ablehnt, ist das Demokratie», sagt er.

Ein geschickter Müller

Die Behörde dürfe sich nur nicht vorwerfen lassen, nicht nach den Spielregeln und nicht im Interesse der Öffentlichkeit gehandelt zu haben. Er weiss aus Erfahrung, dass man Pläne nicht auf Teufel komm raus verwirklichen kann. «Gewisse Dinge brauchen halt einfach länger Zeit. Hier muss man als Gemeindammann lernen, auf welche Mühle man das Wasser leiten soll.» Heisst, seine Kräfte primär dort einzusetzen, wo die Dinge reif sind, und anderen Vorhaben, etwa dem Industriegebiet Hasli oder der Einzonung im Oberdorf, halt noch länger Zeit geben. «Die Umstände ändern sich, neue Vorschriften kommen dazu, die Arbeit geht weiter.»

Was sich da alles ansammelt

Am Donnerstagabend leitete Thurnheer seine letzte Gemeinderatssitzung. Gestern stand die Amtsübergabe an seinen Nachfolger Urs Forster an. Der Arbeitstisch in seinem Büro und der Tisch im Sitzungszimmer sind übersät mit Papieren. «Unheimlich, was da so alles anfällt in zehn Jahren», sagt er. Er habe gemeint, er könne im letzten Amtsmonat langsam herunterfahren und sein Nachfolger dann langsam hinauffahren. «Doch nichts davon, es geht eben fort.»

Ab Montag in einer Woche ist Schluss mit Lokalpolitik. Vergangenen Herbst wurde Thurnheer 65. Er hat zwar das Rentenalter erreicht, doch in irgendeiner Form werde er sich eine Beschäftigung suchen. Was das sein wird, lässt er offen. «Und dann habe ich noch das eine oder andere Hobby.» So ist Thurnheer gern mit seiner Harley unterwegs. «Als ich seinerzeit aus der Ortskommission Buch austrat und mit der Politik eigentlich aufhören wollte, habe ich mir eine Occasion angeschafft.»

Die nächste Tour ist schon geplant, sie führt in die Dolomiten.