Jeder darf Noten verteilen

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die beste Gemeinde im Land? Jahr für Jahr müssen sich Schweizer Gemeinden Benotungen und Rankings unterziehen lassen – so auch im Thurgau. Üblicherweise werten irgendwelche externen und dubiosen Beratungsfirmen entsprechend fragwürdige Ranglisten aus.

Samuel Koch
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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die beste Gemeinde im Land? Jahr für Jahr müssen sich Schweizer Gemeinden Benotungen und Rankings unterziehen lassen – so auch im Thurgau. Üblicherweise werten irgendwelche externen und dubiosen Beratungsfirmen entsprechend fragwürdige Ranglisten aus.

Damit ist jetzt Schluss. Denn bei «So lebt die Schweiz», einem Forschungsprojekt der Fachhochschule St. Gallen, können Bürgerinnen und Bürger seit Ende April selbst bewerten. Unter verschiedensten Kriterien wie Wohnen, Infrastruktur, Arbeit und Bildung, Mobilität, Finanzen, Zusammenleben und Sicherheit können sie wie in der Schule Noten zwischen 1 und 6 verteilen – aber natürlich nur mit einem Internetzugang.

Bischofszell top, Salenstein flop

Auf dem Podium des landesweiten Rankings befindet sich zwar keine Thurgauer Ortschaft, mit Bischofszell (Note 5,14) aber eine Gemeinde in den Top Ten. Neben der Rosenstadt erreicht in der Momentaufnahme auch Roggwil TG (5,04) eine mehr als gute Note. Kreuzlingen (4,98) auf Rang 22 schliesst das Thurgauer Top-Trio ab. Die aktuell bestbewertete Gemeinde der Schweiz ist das bernische Hindelbank (5,55). Zufälligerweise steht genau dort eine Justizvollzugsanstalt. Ob wohl die Insassen an diesem Ranking mitgewirkt und von einer sicheren Umgebung geschwärmt haben?

Auch einige Fragen müssen sich die Bewohner von Salenstein gestellt haben: Die Untersee-Gemeinde fällt sogar noch unter die Note ungenügend (2,92). Vor allem betreffend Infrastruktur (1,3) sowie Arbeit und Bildung (1,4) wurden Salenstein miserable Noten zuteil. Auch Sommeri (3,6) und Langrickenbach (3,69) fehlen als weitere Thurgauer Gemeinden noch Punkte bis zu einer genügenden Note. Frauenfeld (4,67) als Hauptstadt schwimmt im Durchschnitt mit.

Anonyme Subjektivität

Bis Redaktionsschluss haben von den 80 Gemeinden im Thurgau mit 44 mehr als die Hälfte ein subjektiv erstelltes Gutachten erhalten. Insgesamt sind knapp 160 Bewertungen eingegangen. Bei einigen wie Rickenbach TG sind bisher beachtliche 22 Bewertungen eingegangen, bei Langrickenbach, Felben-Wellhausen oder Wängi jedoch lediglich eine – was nicht sehr repräsentativ klingt.

So fällt das Projekt insgesamt durch, was die Repräsentativität betrifft. Denn eine Rangliste mit unterschiedlich vielen Bewertungen kann kaum die Wirklichkeit abbilden, geschweige denn objektiv sein. Zudem ist es möglich, dass sich Einwohner, Behördenmitglieder oder gar politische Repräsentanten zu unrealistischen Bewertungen ihrer favorisierten Gemeinde hinreissen lassen.

www.solebtdieschweiz.ch