Jäger der verlorenen Ortsnamen

Siedlungsnamen sind eine wichtige Quelle für die Kultur- und Sprachgeschichte im Kanton St. Gallen. Der erste Teil des St. Galler Namenbuchs wird 2015 fertiggestellt – nach 100 Jahren Vorlauf.

Christoph Zweili
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Nirgends nördlich der Alpen gibt es so viele alte Quellen zu den Ortsnamen wie im ehemaligen Gebiet des Klosters St. Gallen. Hier die Ersterwähnung von Gossau, «Cozesaua» in einer Urkunde aus dem Jahr 823 oder 824. (Bild: St. Galler Staatsarchiv)

Nirgends nördlich der Alpen gibt es so viele alte Quellen zu den Ortsnamen wie im ehemaligen Gebiet des Klosters St. Gallen. Hier die Ersterwähnung von Gossau, «Cozesaua» in einer Urkunde aus dem Jahr 823 oder 824. (Bild: St. Galler Staatsarchiv)

Namen sind Bestandteil der Sprache – sie sind zum Teil seit Jahrhunderten überliefert. Damit werden sie zum Schlüssel unserer Existenz. Doch auf dem Rosenbüchel in St. Gallen wuchsen keine Rosen, auf dem Kammelenberg grasen keine Kamele und Degersheim leitet sich nicht von einem Heim ab. Gewachsene Siedlungs- und Flurnamen gaukeln oft etwas vor, was mit heutigen Sprachbegriffen nicht ohne weiteres zu erklären ist, weil die ursprüngliche Bedeutung verloren ging.

«Es ist unsere Aufgabe, in akribischer Detektivarbeit die Herkunft der 11 000 Siedlungsnamen wissenschaftlich, das heisst unter Einbezug von mittelalterlichen Quellen, herzuleiten», sagt Elvira Glaser vom Deutschen Seminar an der Universität Zürich. Die Sprachforscherin leitet das Projekt «St. Galler Namenbuch», zu dem der Historische Verein des Kantons St. Gallen vor 100 Jahren (!) aufgerufen hat. Für dessen Präsident Cornel Dora sind «die Ortsnamen heute eine wichtige Grundlage für die Erforschung unserer Heimat. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur st. gallischen Identität.»

Der Einfluss der Klöster

Der Kanton St. Gallen ist für die Forschung besonders interessant, weil er sich aus verschiedenen Landschaften, Sprach-, Dialekt- und Kulturräumen zusammensetzt. Mit eingeschlossen ist das Migrations- und Siedlungsgebiet benachbarter Länder – als Einheit älter als die Eidgenossenschaft oder die Gliederung der heutigen Staaten um den Bodensee. Gemeinsam ist ihnen allen die alemannische Sprache und der Einfluss der Klöster St. Gallen und Reichenau sowie des Bistums Konstanz.

Alemannen und Romanen

«Im Rheintal und am Walensee begegneten sich romanische und alemannische Bevölkerungsteile. Das schlug sich im Namenschatz nieder», erklärt Elvira Glaser. Der günstigen Verkehrslage im Rheintal mit einer alten Wegverbindung von Italien nach Mitteleuropa über den Bodensee sind einige der ältesten Namen zu verdanken. Zwischen Bodensee und St. Gallen, dem Gebiet südlich von Wil sowie insbesondere der Namenlandschaft rund um die Gemeinde Mosnang findet sich eine Zone sehr früher alemannischer Besiedlung.

Ein Glücksfall für die Forschung sind die reichhaltigen frühmittelalterlichen Schriften des Klosters St. Gallen. «Im Stiftsarchiv finden sich 850 frühmittelalterliche Urkunden vor dem Jahr 1000», sagt Cornel Dora. «Das ist einzigartig. In ganz Deutschland ist nur ein Bruchteil von dieser Zahl überliefert.»

Feldforschung auf dem Land

Die Forscher gehen stets nach dem gleichen Muster vor: Zuerst werden historische Belege gesammelt, die dann mit den heutigen Namen verglichen werden. Eine wichtige Rolle spielt auch die Mundart-Aussprache. «Für den zweiten Teil des Projekts, die 55 000 Flurnamen, haben wir mit älteren Menschen auf dem Land gesprochen und sie die Namen phonetisch korrekt aussprechen lassen», sagt Glaser. Diese Feldforschung wurde 2008 abgeschlossen.

Zum Aufbau einer Namensammlung gehört auch die genaue Beschreibung der Örtlichkeit. In den Regionen Sarganserland, Werdenberg, Rheintal und Obertoggenburg konnten die Forscher auf Vorgängerprojekte und Quelleneditionen zurückgreifen. Eher dürftig belegt sind die Regionen See und Gaster.

Ostschweiz bald ganz erfasst

Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt kantonale Namenforschungsprojekte vorrangig, er überprüft auch die Wissenschaftlichkeit der Daten. Aus finanziellen Gründen werden die Namensammlungen an Unis angesiedelt, nicht zuletzt auch, um junge Sprachforscher für diese alte Disziplin der Sprachwissenschaft zu begeistern.

Das fünfköpfige Team, das zurzeit am St. Galler Namenbuch arbeitet – ein Historiker, zwei Germanisten und zwei Romanistinnen – tut dies von Kreuzlingen aus. Die fünf müssen den Dialekt gut kennen, ebenso die historische Entwicklung der deutschen beziehungsweise romanischen Sprache. In Kreuzlingen entstanden auch das Thurgauer (sechs Bände, 2003/2007) und das Appenzeller Namenbuch (drei Bände). Kurz vor dem Abschluss steht auch das Schaffhauser Namenbuch (2007–2015). Blinde Flecken auf der Namen-Landkarte sind derzeit noch die Kantone Glarus, Aargau, Obwalden und der deutschsprachige Teil von Freiburg.

Projekt gerettet

Beinahe wäre das St. Galler Namenbuch aufgrund eines Todesfalls versandet. 2001 wurde dann der Versuch gestartet, die bereits schriftlich in Karteien erfassten Daten zusammenzutragen und mit Hilfe einer Datenbank wenigstens vorderhand elektronisch wieder verfügbar zu machen. Konsequent wurden alle noch vorhandenen Materialien von zwei abgebrochenen Vorgänger-Projekten aufgearbeitet, überprüft und die wichtigsten Basisinformationen elektronisch erfasst.

Im nächsten Jahr sollen die Siedlungsnamen nun nach 100 Jahren Vorarbeit gedruckt werden. Geplant sind zwei Bände mit 1600 Seiten Umfang.