Ittinger Frühstück

Olma-Krimi von Daniel Badraun – erster Teil

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«Wieso kannst du mir nicht helfen?» Meine Freundin Mina schaut mich wütend an.

«Bitte, Mina, dafür ist es wirklich zu spät. Ich muss früh raus.»

«Ich brauche bis morgen einen Slogan. Etwas mit Pepp!»

«Und ich muss mich ausruhen», sage ich und strecke meinen Rücken durch, «den ganzen Tag haben wir den Kohlenmeiler aufgeschichtet. Das geht ins Kreuz.»

«Dieser Auftrag ist wirklich wichtig. Es geht ums Image des Kantons, verstehst du?» Nicht nachgeben, das nennt sie konsequente Gradlinigkeit, für mich ist es Sturheit.

Ich könnte sagen, dass auch die Arbeit eines Hilfsköhlers in der Kartause Ittingen wichtig ist, dass es darauf ankommt, wie das Holz aufgeschichtet wird, damit am Ende brauchbare Holzkohle herauskommt.

«Ich sage nur Staub-Blitz.» Lächelnd giesst sie uns Rotwein ein.

Da hat mich Frau Mina Koster an einem wunden Punkt erwischt.

«Was brauchst du?» Ergeben hole ich Stift und Papier.

«Es geht um die neue Werbekampagne für unseren Kanton, diese soll am zweiten Olma-Tag vorgestellt werden.»

Tiere für Mina

«Wieder etwas mit Löwen? Oder wollt ihr es diesmal mit einem anderen Tier versuchen?»

Sie schaut mir beim Skizzieren zu. «Das Steinwild, stolz und bodenständig.»

«Sind wir etwa Bündner?»

«Dann der Schafbock. Wehrhaft und eigenwillig.»

«Wir sind auch keine Schaffhauser.»

«Du machst es mir nicht einfach. Bären wollt ihr nicht wegen den Appenzellern, Wölfe nicht wegen den Bauern und bei Elstern denkt man an Langfinger.»

«Wir suchen nichts weiter als den besten Slogan, etwas Naheliegendes, auf das bisher noch niemand gekommen ist. Etwas, das gleich einschlägt.» Mina streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.

«Und wenn du den zweitbesten Spruch nehmen würdest?»

Nach einigen weiteren Gläsern einigen wir uns auf «Thurgau, unbeschwert anders!» und gehen ins Bett.

Als um sechs der Wecker klingelt, brummt mein Kopf. Mina murmelt etwas und dreht sich auf die andere Seite. Leise ziehe ich mich an und gehe ins Bad. Stehend trinke ich einen Kaffee und esse eine Scheibe Brot. Schnell kritzle ich noch einen weiteren Slogan auf den Schreibblock, dann muss ich los. Der Weg führt an der Murg entlang bis zur Rorerbrücke. Das Vogelgezwitscher, das Rauschen des Wassers und des Verkehrs vermischen sich mit dem Knirschen der Reifen auf dem Naturbelag. Die leichte Steigung hinauf zum Kreuz Warth schaffe ich spielend. Kurz vor sieben stelle ich mein Velo beim Eingang der Kartause ab.

«Herr Stauber?»

Ein grossgewachsener Mann mit angegrauten Haaren kommt auf mich zu. Sein mächtiger Oberkörper steckt in einer beigen Wolljacke mit Hirschhornknöpfen, die sicher aus einem Trachtenladen irgendwo im Tirol stammt.

«Carlo Renner», sagt er und fasst meine Hand. Ein Griff wie ein Schraubstock, dazu zeigt er mir seine weissen Zähne.

«Freut mich.» Ein Blick auf die Uhr. «Ich sollte dann mal rüber zur Werkstatt.»

«Müssen Sie nicht», sagt er und schiebt mich hinüber zum Restaurant. Ein Hilfsköhler in Überhosen hat hier um diese Uhrzeit nichts zu suchen, da sind die Gäste und Seminarteilnehmer unter sich. «Ich habe mit Ihrem Chef gesprochen, er erwartet Sie erst in einer Stunde.»

Ein Hilfsköhler für Renner

Im Speisesaal sitzen einige Damen an einem runden Tisch, sonst ist noch niemand hier. Renner bestellt Kaffee für uns beide, dann steuert er das Buffet an. «Bedienen Sie sich, wir haben einiges zu besprechen.»

«Wenn Sie meinen.» Schnell fülle ich meinen Teller mit Wurst, Käse, Butter und Marmelade, schnappe mir ein weichgekochtes Ei und zwei Mohnbrötchen und setze mich dann Renner gegenüber.

Der Kaffee wird gebracht, ich schlage meinem Ei den Kopf ab und warte.

«Wie ich gehört habe, helfen Sie seit zwei Wochen bei der Köhlerei.»

Kauend nicke ich. Das Ei ist perfekt, das Weiss fest, das Gelb dickflüssig.

«Wie Sie vielleicht wissen, beginnt übermorgen der Thurgauer Gastauftritt an der Olma.»

Was hat die Köhlerei mit der Ostschweizer Landwirtschaftsmesse zu tun? Mechanisch nicke ich. Seit einem Jahr beschäftigt sich Mina mit dem Olma-Auftritt. Meine Freundin ist bei Thurgau Tourismus verantwortlich für die Messe, bei ihr laufen viele Fäden zusammen, sie muss informieren und organisieren, zu Sitzungen einladen und Protokolle schreiben. Wenn etwas nicht funktionierte, war sie bedrückt, wenn ein Problem gelöst war, hatten wir etwas zu feiern. So wurde ich – ohne es zu wollen – zum Olma-Experten.

«Meine Freunde und ich sind interessiert an einem wirtschaftlich starken Kanton. Wir wollen Aufbruch und Bautätigkeit, neue Firmen ansiedeln und potente Steuerzahler anlocken. Verstehen Sie?»

«Was hat das mit mir zu tun?» Ich nehme das zweite Brötchen in Angriff.

«Sie leben zusammen mit Frau Koster, die massgeblich am Thurgauer Auftritt beteiligt ist. Leider wird unsere Ansicht von Entwicklung zu wenig berücksichtigt, da muss noch etwas korrigiert werden. Hier kommen Sie ins Spiel.» Renner hebt lächelnd das Glas mit Orangensaft und nimmt einen Schluck. «Wir möchten gerne, dass Sie Ihren Einfluss spielen lassen. Wenn Frau Koster mit uns zusammenarbeitet, werden Sie es nicht bereuen.»

Er schiebt mir ein Blatt über den Tisch. Eine Reise für zwei Personen auf der Donau. «Was soll ich damit?»

«Das ist Ihre Sache. Wir möchten Ihnen gerne etwas schenken. Schön wäre es, wenn Sie sich revanchieren. Sie werden schon wissen, wie das geht.» Renner zeigt mir beim gut eingeübten Lächeln sein ganzes Gebiss.

Bevor ich ihm sagen kann, was ich von dieser Art der Einflussnahme halte, klingelt mein Handy. «Mina», steht auf dem Display. «Entschuldigen Sie, es ist wichtig», sage ich zu Renner und nehme den Anruf an.

«Bist du aufgewacht?»

«Du musst sofort kommen, Florian», sagt Mina leise.

«Das geht nicht, mein Schatz, ich bin bei der Arbeit.»

«Eher beim Frühstücken», brummt Renner gut gelaunt und grinst.

«Ich habe Angst!», zischt sie.

Ich gehe einige Schritte zur Seite. «Was ist los?»

«Da ist jemand in der Wohnung», flüstert sie, «ich weiss nicht, was ich tun soll.»

«Schliess dich im Schlafzimmer ein, ich komme sofort.»

«Er steht vor der Tür.» Ihre Stimme ist kaum noch zu vernehmen.

«Mina?»

Es kracht, dann wird das Gespräch weggedrückt.