Ist der Notfalldienst ein Notfall?

Kantonsrat Willy Weibel fordert, den ärztlichen Notfalldienst zu überdenken. Zentrales Kriterium müsse die rasche Hilfe bei lebensgefährlichen Situationen sein. Ratskollege Ulrich Müller ist überzeugt, dass das frühere Modell schlechter war.

Martin Knoepfel
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Defibrillatoren gibt es immer mehr. Sie sind aber nur von Nutzen, wenn sie fachgerecht bedient und rechtzeitig eingesetzt werden. (Archivbild: Reto Martin)

Defibrillatoren gibt es immer mehr. Sie sind aber nur von Nutzen, wenn sie fachgerecht bedient und rechtzeitig eingesetzt werden. (Archivbild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Die Notfallpraxis im Kantonsspital Frauenfeld sei nicht geeignet für Fälle, in denen es um Leben und Tod gehe. Bei einem Notfall zum Beispiel in Tobel-Tägerschen brauche es im besten Fall 20 Minuten, bis der Notarzt da sei, sagte Kantonsrat Willy Weibel (CVP, Balterswil) vorgestern im Grossen Rat.

«Man muss vom Patienten ausgehen und schauen, wie man ihm rasch helfen kann», fordert Weibel. Bei einem Herzstillstand oder Kreislaufzusammenbruch spiele die Zeit eine entscheidende Rolle, um Leben zu retten. Das Gleiche gelte, wenn man bleibende Schäden für die Patienten infolge Sauerstoffmangels oder wegen eines unsachgemässen Einsatzes der Defibrillatoren vermeiden wolle.

«Nicht bedürfnisorientiert»

Weibel stellt sich vor, in den Gemeinden Pikettdienste nach dem Vorbild der Feuerwehren einzurichten. Wer anruft, wird zu einem Fachmann in der Region geleitet. Zum Beispiel könne man die Samariter einbeziehen. Sie müssten mit Defibrillatoren ausgerüstet sein. «Wer Pikettdienst leistet, muss dafür entschädigt werden, wie das bei der Feuerwehr der Fall ist. Heute ist der Notfalldienst planwirtschaftlich organisiert, und nicht bedürfnisorientiert.» Der Hinterthurgau müsse in den Notfalldienst des Spitals Wil einbezogen werden. Bei den Gemeinden Wilen und Rickenbach ist das der Fall.

«Kenne beide Modelle»

Weibel gehe offensichtlich vom Bild des Notfalldienstes aus, wie es vor zehn Jahren zutreffend gewesen sei. Das sagte Kantonsrat und Kinderarzt Ulrich Müller (CVP, Weinfelden) unserer Zeitung. Müller hatte in der Debatte von einem «Zerrbild des Notfalldienstes gesprochen, das der Departementschef vielleicht etwas zurechtrücken könnte».

Er kenne beide Modelle des ärztlichen Notfalldienstes. Früher habe in einem Notfallkreis ein Arzt fürs ganze Gebiet Notfalldienst geleistet. Wenn er von Weinfelden nach Buhwil habe fahren müssen, habe er ebenfalls mindestens 20 Minuten gebraucht, vor allem in der Nacht. Dank der Umorganisation sei der Notfalldienst heute wesentlich schneller und besser als früher, findet Müller. Im grössten Teil des Kantons könne eine Ambulanz den Patienten innert 20 Minuten erreichen.

Mit Rettungssanitätern und eventuell einem Notarzt an Bord sowie mit ihrer Ausrüstung sei sie wesentlich handlungsfähiger als der Notfallarzt. In den grossen Agglomerationen gehe es rascher als 20 Minuten, ist Müller überzeugt. Bei lebensbedrohlichen Situationen sei entscheidend, wie lang die Ambulanz brauche. An jedem Ort innert fünf bis sieben Minuten ärztliche Hilfe zu garantieren, sei in einem grossen Kanton wie dem Thurgau unmöglich.

Keine Beschwerden

Nationalrätin Edith Graf-Litscher (SP/TG) ist Präsidentin der Patientenstelle Thurgau. In letzter Zeit habe die Patientenstelle keine Reklamationen erhalten, weil die Hilfe im Notfall zu lange dauerte. Der letzte ihr bekannte Fall habe sich vor etwa einem Jahr zugetragen. Ein guter Notfalldienst auf dem ganzen Kantonsgebiet sei ein wichtiges Anliegen, sagt sie.