«Islam ist keine Ursache für Kriminalität»

In Ostschweizer Gefängnissen sind verhältnismässig viele Insassen Moslems. Sabine Makowka, Dozentin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St. Gallen, erklärt, dass Religion nichts damit zu tun habe – möglicherweise aber vieles anderes.

Julia Barandun
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Frau Makowka, im Regionalgefängnis Altstätten gehörten im vergangenen Jahr 47 Prozent der Insassen dem Islam an. Warum gibt es verhältnismässig so viele Moslems in den Gefängnissen?

Sabine Makowka: Wissen Sie, im Jahr 2013 waren es überwiegend Katholiken, die in der Strafanstalt Saxerriet inhaftiert waren. Es gibt keinen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Religion und Kriminalität. Nachweislich hat Religion, wenn überhaupt, einen präventiven Einfluss auf das Verhalten von Menschen, das Kriminalität vermeidet. Auch Nationalität ist keine Ursache von Kriminalität.

Welche Zahlen sagen denn etwas aus über Kriminalität?

Makowka: Zunächst einmal gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Geschlecht. Das Bundesamt für Statistik gibt an, dass 2034 Personen im Jahr 2014 in der Ostschweiz inhaftiert waren. Davon waren 96,4 Prozent männlichen Geschlechts.

Und sonst?

Makowka: Ausserdem besteht ein statistischer Zusammenhang zwischen Kriminalität und Alter: Schweizweit erhält die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen die meisten Verurteilungen wegen Vergehen oder Verbrechen. Auch in der Ostschweiz lässt diese Altersgruppe in der Anzahl der Verurteilungen andere Altersgruppen weit hinter sich.

Wieso das?

Makowka: Vielleicht ist das eine Folge des hohen Risikoverhaltens junger Männer, welches auch wissenschaftlich nachweisbar ist. Das Handeln von Personen wird jedoch von vielen Faktoren beeinflusst, nicht zuletzt von der persönlichen Entscheidung des einzelnen. Daher wäre nach den Delikten zu fragen, aufgrund derer Menschen inhaftiert werden.

Und wegen welcher Delikte sitzen die meisten Menschen in Haft?

Makowka: Seit Jahren dokumentiert das Bundesamt für Statistik, dass die meisten Verurteilungen wegen Verstössen gegen das Strassenverkehrsgesetz erfolgen. An zweiter Stelle stehen Vermögensdelikte, wie zum Beispiel Betrug.

Kann man den hohen Anteil moslemischer Gefangener damit erklären, dass besonders junge Männer gefährdet sind, kriminell zu werden, und es viele Moslems gibt, die dieser Risikogruppe angehören?

Makowka: Das wäre vorschnell geschlossen. Dass es so viele Moslems gibt in Gefängnissen, ist erst einmal eine statistische Erhebung, die so sinnvoll ist wie abzuzählen, wie viele braunäugige Gefängnisinsassen es gibt.

Gibt es keine Erklärung dafür?

Makowka: Es sind sicherlich viele Faktoren zu prüfen: Einerseits gibt es aufgrund der aktuellen Ereignisse einen Zustrom an Flüchtlingen aus dem arabischen Raum, darunter vielleicht viele Moslems. Zudem sitzen in den Gefängnissen auch viele Ausschaffungshäftlinge.

Das heisst?

Makowka: Diese Menschen sind nicht wegen krimineller Vergehen in Haft, sondern weil sie keine rechtlich gültigen Gründe für ihren Aufenthalt in der Schweiz haben.

Welche Probleme sehen Sie in dieser Konstellation?

Makowka: Es ist wichtig, keinen Zusammenhang zwischen Religion und Kriminalität zu konstruieren. Die Diskussion darüber befördert eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die in Europa und in der Schweiz in den letzten Jahren zunehmend Moslems betrifft.

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