Interkulturelle Disharmonie

Ermatingen kommt einfach nicht zur Ruhe und muss bald um seinen Ruf als langweiligster Ferienort der Schweiz bangen. Schuld ist der Blick. Dieses Mal geht es nicht um einen deutschen Kahn, sondern um eine Konstanzer Tanzkapelle, welche am 1. August hier aufspielen soll.

David Angst
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Ermatingen kommt einfach nicht zur Ruhe und muss bald um seinen Ruf als langweiligster Ferienort der Schweiz bangen. Schuld ist der Blick. Dieses Mal geht es nicht um einen deutschen Kahn, sondern um eine Konstanzer Tanzkapelle, welche am 1. August hier aufspielen soll. Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von interkultureller Disharmonie zu tun.

Der Blick kommt aus Zürich, und es sei dem Blick-Journalisten deshalb verziehen, dass er keine Ahnung hat von der Mentalität am Untersee. Aus Sicht der Hiesigen beginnt in Hörhausen die Innerschweiz, nach Norden hin geniessen sie jedoch freie Sicht, was ihren Geist befreit. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, wie man so schön sagt.

Ein Ermatinger kann zwar einen Gropp von einem Zander unterscheiden, aber keinen Deutschen von einem Schweizer. Es ist ihm egal, ob er selber das eine oder das andere ist. Würde Waideles Tanzkapelle am 1. August aus Versehen die deutsche Nationalhymne spielen, so würde der Ermatinger sagen: «Je nu, was soll's, da isch doch kei Weldondergang.»

Von solcher geistiger Freiheit und Toleranz kann ein Blick-Reporter aus Zürich nur träumen. Am Untersee ist sogar die SVP weltoffener als er. Auch wenn der Blick-Reporter vielleicht sogar mit der Juso sympathisiert, so ist er doch verhaftet im Denken, dass die Welt in Länder aufgeteilt sein muss, und dass die Landesgrenzen einen Zweck hätten.

Vielleicht müsste man zuerst einmal mit den eigenen Links-rechts-Vorurteilen aufräumen. Das gilt auch für Brasilien. Dieses hat zwar eine sozialdemokratische Regierung, aber beim Holzhandel ist es stramm patriotisch. Der Staat beschützt mit strengen Einfuhrgesetzen die einheimischen Holzfäller. Schon aus ökologischen Gründen ist es besser, das olympische Dorf für 2016 mit einheimischem Tropenholz zu bauen als mit europäischem Importholz, von dem man nicht einmal weiss, wie es produziert wurde. Sagen die Brasilianer.

david.angst@thurgauerzeitung.ch