INTEGRATION: Perspektiven für die Betreuung von Asylbewerbern

Der Verein Agathu widmete eine Veranstaltung den Neuerungen des Kantons im Asylbereich. Auch erfreuliche Berichte aus der Praxis in den Gemeinden waren ein Thema.

Drucken
Teilen

In den Räumlichkeiten der «Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau» (Agathu) in Kreuzlingen fand vor einigen Tagen eine Orientierungsveranstaltung über Neuerungen und neue Entwicklungen in der Betreuung von Asylbewerbern im Kanton statt. Etwa fünfzig interessierte Personen, darunter zahlreiche mit der Betreuung von Asylsuchenden in den Gemeinden Beauftragte und Gemeinderäte waren der Einladung des Vereins Agathu gefolgt. Dieser spielte, bedingt nicht zuletzt durch das örtliche Empfangszentrum für Flüchtlinge (EVA), eine Pionierrolle in der Flüchtlingsarbeit durch Freiwillige im Thurgau.

Allmählich verstärkt aber auch einerseits der Kanton seine Anstrengungen für eine möglichst rasche Integration der Flüchtlinge durch Sprachkenntnis und Eingliederung in den Arbeitsprozess, andererseits gibt es erfreuliche Entwicklungen der sozialen Integration durch Gemeinden, in denen Asylbewerber und Flüchtlinge untergebracht sind.

Start ins Berufsleben nach zwei Jahren

Rund eineinhalb Stunden dauerte die von Agathu-Präsident Karl Kohli moderierte Veranstaltung. Bettina Vincenz, Leiterin der Koordinationsstelle beim kantonalen Migrationsamt, informierte über die neuen koordinierten Massnahmen der Integration von Flüchtlingen ab 24 Jahren. Dazu gehören Einstufungstests, Deutschkurse auf verschiedenen Niveaus, Heranführung an den ersten Arbeitsmarkt, Qualifikationsmassnahmen und Beratungen. Der gesamte Prozess soll nach zwei Jahren mit dem Eintritt ins Berufsleben abgeschlossen sein. Stattfinden soll dieses neue Integrationsprogramm zentral an drei Orten, nämlich Frauenfeld, Weinfelden und Amriswil, wodurch der Hinterthurgau und die Region Kreuzlingen nicht berücksichtigt werden. Ab Sommer will der Kanton ein vergleich­bares Programm für Asylbewerber zwischen 15 und 24 Jahren auflegen.

Christine Holzer, die Beauftragte der Gemeinde Egnach, berichtete über die Integrationsanstrengungen in ihrer Gemeinde mit etwa 4500 Einwohnern. Durch die Einbeziehung der Einwohner, von Vereinen, Kirchen und Ortsbehörden sei es gelungen, ein entspanntes Klima und Verhältnis der Bewohner zu den Asylbewerbern zu schaffen. Das könne man nicht von oben verordnen, sondern müsse es sich mit Hilfe von Personen und Institutionen, Lehrern, Pfarrern und Vereinsmitgliedern erarbeiten. Die Überschaubarkeit einer Gemeinde wie Egnach, der Umstand, dass die Bewohner einander meist kennen und viel von dem, was im Dorf passiert, rasch bekannt wird, trägt sicherlich dazu bei.

Asylanten spielen mit ­Schülern Fussball

Ähnliches berichtete Jeanette Ledergerber aus der dezentralen Gemeinde Kemmental mit etwa derselben Einwohnerzahl. Sie habe sich vom Kanton ein Inte­grationsprogramm absegnen lassen und dann angefangen, Kontakte zu knüpfen. Dass etwa Asylanten mit Sekundarschülern gemeinsam Fussball spielten, sei ein wichtiger Baustein für die soziale Integration gewesen. Die Schüler berichteten daheim von ihren Kontakten, was zur atmosphärischen Verbesserung beitrage. Ledergerber brachte auch gleich einen «Betroffenen» mit: den Obstbauern Lukas Neuhaus. Der erzählte, dass er immer mal wieder ein Ehepaar bei der Obsternte und anderen Arbeiten beschäftige, wofür die Gemeinde ein Taschengeld bezahle. Schon fast freundschaftlich sei er diesen Leuten mittlerweile verbunden, er lobte ihre Arbeitsmoral und ihre Selbständigkeit in der Be­wältigung der eher einfachen Arbeitsabläufe. So wie er seien auch andere Einwohner den Fremden inzwischen eher wohlgesonnen und sähen sie auch längerfristig durchaus als mögliche Entlastung gerade in der Landwirtschaft.

Was den Berichterstatter an der Veranstaltung am meisten beeindrucke, war das zivilgesellschaftliche Engagement, das an diesem Abend spürbar wurde. Dadurch können Pauschal- und Vorurteile sowie die Skandal- und tendenziösen Berichte eines Teils der Medien wirksam unterlaufen werden. Jedenfalls wurde ein differenziertes und verantwortungsbewusstes Bild des Umgangs mit Flüchtlingen sichtbar.

Jochen Kelter

thurgau@thurgauerzeitung.ch