INTEGRATION: "Es wird weniger Einbürgerungen geben"

Für Markus Kutter ist die Erhöhung der Sprachhürde bei Einbürgerungen unnötig. Der Chef des Amtes für Gesellschaft und Integration der Stadt Frauenfeld erwartet nun sinkende Zahlen. Sprache sei ein wichtiges Integrationskriterium, aber nicht das einzige.
Christian Kamm
Markus Kutter: «Wir messen eine sprachliche Qualifikation und sind absolut unabhängig.» (Bild: Andrea Stalder)

Markus Kutter: «Wir messen eine sprachliche Qualifikation und sind absolut unabhängig.» (Bild: Andrea Stalder)

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch

Markus Kutter, der Thurgau bekommt die höchste Sprachbarriere der Schweiz für Einbürgerungswillige. Können Sie den Entscheid des Kantonsparlaments nachvollziehen?

Einbürgerungen sind ein sehr emotionales Thema. In der Gesellschaft, die das Bürgerrecht verleiht, besteht die Erwartung, dass jemand wirklich integriert ist – insbesondere sprachlich. So gesehen, kann ich das politisch nachvollziehen.

Und was sagen Sie als Integrationsfachmann?

Aus fachlicher Sicht wäre mir lieber gewesen, wir hätten die Anforderungen auf dem Niveau belassen, das der Bund vorschlägt. Aber wenn man als Kriterium festlegt, es muss mindestens das Sprachniveau B2 mündlich sowie B1 schriftlich erreicht werden, dann erwarte ich, dass das auch fachlich beurteilt wird.

Ist das denn in Frage gestellt?

Im betreffenden Thurgauer Gesetzestext heisst es, dass die geforderten Sprachkenntnisse mit einem Test belegt werden müssen, «wenn sie nicht offensichtlich sind». Da bin ich aus fachlichen Gründen etwas besorgt: Wer beurteilt denn diese «Offensichtlichkeit»?

Das müsste in der neuen Verordnung des Regierungsrates stehen.

Genau. Das ist auch klar meine Erwartung. Wenn man A gesagt hat, muss man jetzt auch konsequent B sagen und diese Frage klären.

In der politischen Debatte wurde die Sprachkompetenz als das entscheidende Kriterium für Integration bezeichnet. Dem lässt sich kaum widersprechen.

Sprache ist nun einmal das Medium, mit dem wir miteinander kommunizieren. Integration ist ohne Sprachkenntnisse nicht möglich, aber Sprachkenntnisse alleine führen noch nicht zur Integration.

Was gehört denn alles zu einer gelungenen Integration?

Wenn ich mich verständigen und mitreden kann, etwa in der Diskussion mit Nachbarn. Ich habe eine Ausbildung und eine Arbeit. Und ich habe ein Dach über dem Kopf. Dann bin ich integriert. Wenn ich das Gefühl entwickeln kann, dass ich hier zu Hause bin, mir nichts zum Leben fehlt, und ich meine sozialen Kontakte habe.

Stichwort soziale Kontakte: Es gibt den sprachlich gut integrierten Ausländer, der aber gesellschaftlich isoliert ist. Aus dem wird kein Bilderbuch-Schweizer.

Ich kenne genug Beispiele. Man sagt höflich «Guten Tag» – und fertig. Das soziale Netz ist anderswo, man hat keinen Kontakt darüber hinaus, interessiert sich für nichts. Dann ist jemand nicht integriert. Eine Feststellung, die übrigens auch bei Einheimischen gemacht werden kann.

Ist das Sprachniveau B2 mündlich für Menschen ohne Bildungshintergrund eine grosse Hürde?

Zweifellos.

Eine zu grosse?

Bildung ist das A und O. Gerade in der Schweiz wird sehr grossen Wert auf eine gute Ausbildung gelegt. Ohne entsprechenden Bildungshintergrund ist das Niveau B2 nicht zu schaffen. Das ist eine Tatsache.

Das Amt für Gesellschaft und Integration der Stadt Frauenfeld bietet selber Deutschkurse für Ausländer an. Was ändert sich für Sie?

Wir machen uns fit für die neuen Voraussetzungen. Wir werden unser Angebot im Bereich B2 erweitern und Zertifikate anbieten, die neu für die Einbürgerung erforderlich sind. Das Personal wird entsprechend geschult.

Werden diese Angebote speziell für Ausländer eingeführt, die sich einbürgern lassen wollen?

Nein. Der Schwerpunkt liegt bei uns stets auf der Integration in Wohnumfeld, Arbeitswelt und Schule. In einigen Fällen resultiert dann quasi als «Nebenprodukt» auch der Wunsch, sich einbürgern zu lassen. Aber das ist eine Nebenschiene.

Erwarten Sie im Thurgau nun einen Rückgang der Einbürgerungszahlen?

Ja, das tue ich. Gestützt auf die Zahlen, die wir schon haben. Die Erfolgsquote bei den heutigen Einbürgerungsprüfungen mündlich B1 und schriftlich A2 liegt bereits tiefer als bei anderen Zertifikatsprüfungen, die wir durchführen. Allerdings sieht das Gesetz die Möglichkeit vor, dass eine Einbürgerungskommission bei kognitiven Defiziten eines Bewerbers Ausnahmen machen kann.

Ohne Attest geht das aber nicht.

Diesen juristischen Weg halte ich für problematisch. Es liegt dann wieder an der Einbürgerungsbehörde nachzuprüfen, ob die betreffende Person überhaupt schon einen Sprachkurs besucht hat. Aus meiner langjährigen Praxis weiss ich von Personen, die x-mal an die Prüfung gekommen sind, bis sie bestanden haben. Indem sie wieder die Schulbank drückten, nochmals übten und noch mehr Kurse belegten.

Geschenkte Diplome gibt es keine?

Auf keinen Fall. Es gab zwar auch schon Teilnehmer, die glaubten, dass die Lehrperson bei der Prüfung netter ist, wenn man ihr einen Blumenstrauss vorbeibringt. Wir messen hier aber eine sprachliche Qualifikation und sind absolut unabhängig. Und wir wurden selber geprüft, damit wir Prüfungen abnehmen können.

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