Innovationspark statt ETH-Campus

Die Thurgauer Industrie- und Handelskammer hält die Idee ihrer St. Galler Schwester, eine «ETH Science City Wil», für unrealistisch. Sie bringt aber eine Alternative ins Spiel.

Christof Widmer
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FRAUENFELD. Ein Standort der Eidgenössischen Technischen Hochschule auf Thurgauer Boden – das ist die Vision der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell. Sie fordert, dass im Entwicklungsgebiet Wil West ein ETH-Campus entsteht (Ausgabe vom Dienstag). Das Gebiet ist im Besitz des Kantons St. Gallen, liegt aber grösstenteils in der Gemeinde Münchwilen. Dem St. Galler IHK-Direktor Kurt Weigelt schwebt eine «ETH Science City Wil» vor, ein Cluster von Forschung und privaten Unternehmen, die sich dort ansiedeln sollen.

Thurgauer IHK nicht informiert

Der Vorstoss der St. Galler IHK war nicht mit den Kollegen der IHK Thurgau abgesprochen – obwohl der Thurgau mit dem Standort Münchwilen hauptbetroffen wäre. Die Begeisterung in der IHK Thurgau ist denn zumindest fürs erste begrenzt. Der Thurgauer Wirtschaftsverband teilt zwar das Anliegen der Schwester-IHK, Wil West zu einem Standort zu machen, in dem Forschung und Wirtschaft sich gegenseitig befruchten und neue Arbeitsplätze schaffen. Dass ein ETH-Ableger das Zentrum dafür bilden könnte, beurteilt die IHK Thurgau aber skeptisch. «Die Idee ist relativ unrealistisch», sagt IHK-Direktor Peter Maag. Bisher gebe es seitens der ETH Zürich nämlich keine Anzeichen, dass sie ausserhalb Zürichs investieren wolle.

ETH Zürich winkt ab

Tatsächlich hat ein Sprecher der ETH Zürich gegenüber Radio SRF erklärt, dass die Hochschule im Moment keine Ausbaupläne habe. Sie habe auch keine Bestrebungen, in die Ostschweiz zu expandieren. Die ETH macht zudem darauf aufmerksam, dass der ETH-Bereich bereits mit der Empa in St. Gallen, der Villa Garbald in Castasegna und dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos drei Institutionen in der Ostschweiz habe.

Maag setzt auf Innovationspark

IHK-Direktor Maag bringt aber eine Alternative für den Standort Wil West ins Spiel: Statt eines ETH-Campus könnte dort einer der beiden Hauptstandorte des nationalen Innovationsparks angesiedelt werden. Als Deutschschweizer Hauptstandort ist das Gelände des Flugplatzes Dübendorf vorgesehen. Um die weitere Nutzung des Flugplatzes findet in Zürich aber ein Seilziehen statt, welches das Innovationspark-Projekt zu blockieren droht. Noch ist nicht einmal der Zürcher Richtplan angepasst, damit das Gelände als Innovationspark genutzt werden könnte.

Mit der ETH eng verbunden

Maag rechnet sich deshalb für Wil West gewisse Chancen aus, anstelle von Dübendorf Hauptstandort des Innovationsparks zu werden. «Es wäre jedenfalls sinnvoller, wenn Dübendorf für die Fliegerei offen bleibt», sagt er. Der Innovationspark in Wil wäre für die Ostschweiz mindestens ebenso attraktiv wie ein Aussenstandort der ETH – zumal der Innovationspark ohnehin eng mit der ETH verbunden ist. Zudem wäre er vom Konzept her mit der Ansiedlung von Unternehmen verbunden und würde das Zentrum eines Firmenclusters bilden, sagt IHK-Direktor Maag.

Für dezentrale Hochschulen

Noch keine konkrete Wertung des Vorschlags der St. Galler IHK will die Thurgauer Erziehungsdirektorin Monika Knill abgeben. Sie erachtet aber dezentrale Standorte von Hochschulen als prüfenswert. «Hochschulen oder deren Institute sollen mit positivem Effekt in anderen Kantonen präsent sein», sagt Knill. Damit erhöhe sich auch die regionale bildungspolitische und wirtschaftliche Verankerung.