«In Tobel leben viele kosovarische Flüchtlinge»

In einer Serie stellen wir Ihnen Orte aus aller Welt vor, die wie Ortschaften im Thurgau heissen. Der 33jährige Marvin Selmani arbeitet als Angestellter im Hotel Bar Restaurant Amerika in Kukes. Das kleine Bergdorf Tobel liegt nur gerade acht Kilometer von der Hauptstadt der Region Kukes entfernt.

Samuel Koch
Drucken
Teilen

Marvin Selmani, kennen Sie Tobel im Thurgau und waren Sie schon einmal in der Schweiz?

Marvin Selmani: Nein. Tobel kenne ich nicht. Ich war aber vor fünf Jahren einmal in Genf, und da hat's mir sehr gut gefallen. Ich habe da ebenfalls in einem Hotel gearbeitet.

Am 22. Juli fand in der nahegelegenen Stadt Kukes ein Strassenfest statt. Was war der Anlass?

Selmani: An diesem Tag feierten Kukes und die Region Geburtstag. Dieses Jahr wurde der 37. Jahrestag der Stadt gefeiert. Im Jahre 1978 ging die Altstadt von Kukes aufgrund eines Staudammes unter.

Kukes liegt an einem Stausee?

Selmani: Ja. Kukes liegt bei der Mündung zwischen dem Weissen und dem Schwarzen Drin. Dieser ist in der Region wegen des Fierza-Sees gestaut, der 1978 die Altstadt von Kukes untergehen liess. Die neue Stadt wurde 1968 auf einem Plateau zwischen den zwei Armen des Stausees erbaut. Ursprünglich hätte die Stadt Platz für 30 000 Menschen haben sollen. Heute hat es viele verlassene Plattenbauten.

Die Region liegt auch in den Bergen.

Selmani: Ja. Südlich von Tobel steht der Gjallica, der höchste Berg Albaniens mit 2485 Metern Höhe. Dort gibt es sogar Lifte, um Ski zu fahren.

Treffen Sie viele Leute aus Tobel?

Selmani: Nein, nur höchst selten. Die Leute aus Tobel leben einfach und bleiben auch da. Sie kommen nur sehr selten nach Kukes.

Wie ist die Mentalität der Leute in Tobel?

Selmani: Die Bewohner sind freundlich und zuvorkommend. Aber die ganze Region ist auch arm. 1997 gab es hier eine Art Revolution, weil die Leute wegen einer Bank viel Geld verloren haben. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Armee. In den 90ern waren viele in der Region Bauern, doch heute gibt es nicht mehr sehr viel Arbeit.

In den 90er-Jahren herrschte unweit im Kosovo Krieg. Wie hat es Ihre Region geprägt?

Selmani: Während des Kosovo-Kriegs nahm Albanien eine halbe Million kosovarische Flüchtlinge auf. Viele blieben in Tobel oder in Kukes. Die Grenze zum Kosovo liegt nur circa 15 Kilometer Luftlinie entfernt. Weil die Region so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, war sie sogar für den Friedensnobelpreis nominiert.

Welche kulinarischen Spezialitäten gibt es in der Region?

Selmani: Wir essen viel türkisch. Vor circa 500 Jahren sind die Türken in Albanien einmarschiert. Gjergj Kastrioti Skenderbeu hat 25 Jahre lang gegen die Türken gekämpft und ist deshalb ein Nationalheld hier. Daher der Einfluss auf die albanische Küche.

Zu welcher Religion gehören die Albaner in Ihrer Region?

Selmani: 19 von 20 Albanern in der Region sind Moslems, welche den Islam aber alles andere als fanatisch ausleben. Circa jeder zehnte geht in die grosse Moschee, um zu beten.

Welche Industrie gibt es in Kukes?

Selmani: Während der kommunistischen Zeit gaben Bergbau, Holzindustrie und die Landwirtschaft Arbeit. In den 90er-Jahren verliessen aber viele die Region in Richtung Süden und die Hauptstadt Tirana. Erst 2009 wurde die erste richtige Autobahn durch die Region Kukes eröffnet. Jetzt ist die Strassenverbindung in den Kosovo und die Adriaküste besser gewährleistet, und die Leute zieht es langsam wieder zurück in die Region.

Hinweise über weitere Orte mit Thurgauer Ortsnamen weltweit an: redaktion@thurgauerzeitung.ch