In der Höhe ist die Aussicht besser

FISCHINGEN. Ausflug-Serie 4/24: Ein Aufstieg in den Wäldern des Tannzapfenlands führt hinauf zum höchsten Punkt des Kantons Thurgau. Angekommen auf dem Grat auf 996 Meter Höhe, bietet sich ein herrlicher Ausblick in alle Richtungen.

Perrine Woodtli
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Volontärin Perrine Woodtli und Werner Ibig vor dem Kloster Fischingen, dem Start und Ziel der Wanderung. (Bild: pd)

Volontärin Perrine Woodtli und Werner Ibig vor dem Kloster Fischingen, dem Start und Ziel der Wanderung. (Bild: pd)

Wer gleichzeitig auf den Kanton Thurgau, den Kanton St. Gallen, das Toggenburg und den Bodensee sehen möchte, muss in die Höhe gehen – auf 996 Meter. Dort befindet sich der höchste Punkt des Kantons Thurgau. Durch Wälder und eine Landschaft, die von der Abgeschiedenheit geprägt ist, erreicht man jenen Punkt in gut eineinhalb Stunden vom Kloster Fischingen aus. Kaum ein anderer kennt sich in der Gegend besser aus als Werner Ibig, Direktor des Klosters Fischingen.

Himbeeren und Tannenzapfen

Ausgangspunkt und Ziel ist das Kloster Fischingen. Von da aus geht es direkt in die Höhe, Richtung Ottenegg. Nach wenigen Höhenmetern weht einem eine warme Brise ins Gesicht. «Das ist der Föhn», sagt Werner Ibig und zieht seine Jacke aus. Warm genug wird es einem während der Wanderung bereits. Der Weg führt an einem Hof vorbei. «Hier gibt es bald Himbeeren und Erdbeeren», sagt Ibig und zeigt auf die Plantagen. Er blickt auf das Kloster hinunter. Er sei jedes Mal erstaunt über das imposante Gebäude. «Es ist schon speziell, dass hier, im abgeschnittenen Tal, so ein Gebäude verborgen ist.» Er erklärt, warum die Gegend Tannzapfenland heisst. «Früher gehörte dies alles dem Kloster. 1848 wurde es vom Staat enteignet. Die Hügel waren verbuschtes Weideland mit wenigen Bäumen. Daraufhin legte der Kanton Fichtenwälder an. Zu dieser Zeit brauchte man Holz, wegen der Industrialisierung.»

Von der Kapelle in die Höll

Der Weg führt hinein in das Waldreservat Höllwald. Ein Schild mit der Aufschrift Holzschlag steht im Weg. «Ach, die machen gerade Znünipause, dann ist es nicht gefährlich.» Im Wald trifft man auf die St. Iddakapelle. Eingebettet zwischen grossen Bäumen und plaziert auf einer sprudelnden Wasserquelle. «Das Wasser ist geniessbar, aber hat nicht die beste Qualität, weil es von der Oberfläche kommt. Trotzdem spricht man solchen Quellen <spezielle Kräfte> zu», erklärt Ibig. Zum Jubiläum, die 1890 erbaute Kapelle wird dieses Jahr 125 Jahre alt, soll es ein neues Dach gegen.

Wieder raus aus dem Wald führt der Weg hinauf zur Mariensäule. Die Marienstatue erinnert an die Gründung der Waisenanstalt St. Iddazell im Klostergebäude im Jahr 1879. Die Landschaft, die sich unter einem erstreckt, gleicht jener des Toggenburgs oder des Appenzellerlands. Ibig kennt jeden Hof. «Der da unten heisst Bleiken. Früher gab es dort einen Bleichplatz, wo man den Stoff an der Sonne gebleicht hat», sagt er und zeigt auf den besagten Hof. «Das ist Buchegg und das dort heisst Kappegg. Das Egg ist hier typisch. Die Höfe stehen jeweils auf einer Hochebene, einem Egg.»

Von der Ottenegg geht es weiter in die Höll. «Das kommt eigentlich von Hell, Held oder Halde. Das ist ein steiler Hang. Oder es meint einen abgelegenen Ort», erklärt Ibig. Tatsächlich: Der Hof liegt direkt an einem extrem steilen Hang. «Das ist schon erstaunlich, wie dieser Bauer hier sein Gras mähen muss.» Nach dem Hof geht es nach links, Richtung höchster Punkt des Thurgaus. Bis zu jenem Punkt dauert es aber noch ein wenig. Es folgt ein steiler Aufstieg. Die Route führt im Zickzack auf einem schmalen Waldpfad hinauf. Auch hier entgeht Werner Ibig nichts. Er mustert einen von vielen Bäumen am Wegrand. «Einer unserer Arbeiter war hier. Der hat diesen Ast abgeschnitten», sagt er und zeigt auf die kleine Schnittstelle zwischen den Ästen. Als Präsident des Verkehrsvereins Fischingen kennt er diese Wege haargenau.

Zurück in die Zivilisation

Der letzte Aufstieg hat es in sich. Für Ibig scheinbar kein Problem. «Für diese Strecke muss man schon ein wenig fit sein.» Oben angekommen ist die ganze Anstrengung vergessen. Ibig tupft sich die Schweissperlen ab. «Bei diesem Ausblick kann man nicht viel sagen.» Da hat er recht. Gegenüber springt einem sofort die Iddaburg ins Auge. Dazwischen klafft die tiefe, imposante Schlucht der Murg. Im Hintergrund erkennt man den Bodensee, und gegen Norden reicht der Blick bis zu den Hegauer Vulkanlandschaften. Rechts folgt der Kanton St. Gallen und das Toggenburg. Auch auf den Alpstein hat man freie Sicht. Der höchste Punkt des Thurgaus liegt auf der Grenze zum Kanton St. Gallen und ist mit einem Gneis-Grenzstein gekennzeichnet.

Der Abstieg geht mindestens so in die Beine wie der Aufstieg. Mal über st. gallischen Boden, dann wieder auf Thurgauer Terrain, führt der Weg nach Hollenstein und vorbei an dem Restaurant Allenwinden, das jedoch geschlossen ist. «Es ist wirklich schade. Hier gibt es keine Möglichkeit mehr, um einzukehren. Die Restaurants sind geschlossen.» Der Weg führt über einen Kiesweg hinunter in das Dorf Au. «Früher war das sozusagen das Wirtschaftszentrum», sagt Ibig und lacht. «Es gab eine Post, einen Laden, ein Restaurant, eine Schule, ein Pfarrhaus, ein landwirtschaftliches Lagerhaus und die Käserei.» Letztere gibt es heute noch. Sie stellt den Pilgerkäse her. Au besteht aus einer kleinen Anzahl Häusern. Früher habe man noch gesagt: «Komm, wir gehen nach Sirnach in den Thurgi.» «Die Abgeschiedenheit war hier extrem. Mit der heutigen Mobilität ist alles anders.»

Ibig wechselt von der Strasse auf den Pilgerweg, der parallel zur Strasse durch den Wald führt. Nach einigen Minuten erscheinen wieder die Himbeerplantagen. Kurz darauf erreicht man auf demselben Weg wie zu Beginn das Kloster Fischingen. Nur die Beine sind nun etwas müder.

Bild: PERRINE WOODTLI

Bild: PERRINE WOODTLI