In den Mund anstatt in den Müll

Wohin kommen die Brötchen, die nach Ladenschluss übrigbleiben? Zu einer Organisation, die Lebensmittelüberschüsse einsammelt. Eine davon ist «Tischlein deck dich».

Belinda Halter
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Viel zu tun: Gemeindeleiter Toni Bucher an der Abgabestelle. (Bild: Belinda Halter)

Viel zu tun: Gemeindeleiter Toni Bucher an der Abgabestelle. (Bild: Belinda Halter)

Münchwilen. 8 Uhr: Gespanntes Warten im Pfarreizentrum. Fragend blicken die sieben Mitarbeiter in die Runde. Leicht beunruhigt tigert Toni Bucher umher. «Die Warenlieferung hätte bereits vor einer halben Stunde eintreffen sollen», begründet Bucher die allgemeine Besorgnis. Die Zeit drängt, denn schon bald werden die ersten Lebensmittelbezüger eintreffen.

Als die sieben Mitarbeiter sich schon über eine vorgezogene Pause Gedanken machen, hören sie das erlösende Brummen des heranfahrenden Lieferwagens. Dieser bringt die ersehnte Ware – Nahrungsmittel aus Überproduktionen oder was nicht mehr verkauft werden kann und sonst vernichtet würde.

Vereint im Schicksal

«Heute bekommen wir ungefähr 120 Brote», sagt Bucher, während er einen voll bepackten Wagen zum Pfarreizentrum schiebt. Kaum ist die Lieferung abgeladen, machen sich die Mitarbeiter emsig ans Anrichten. Im Nu verwandelt sich das Untergeschoss der katholischen Kirche in einen kleinen Lebensmittelmarkt. «Wir haben hier eine exzellente Ausgangslage. Viele Abgabestellen haben diese räumliche Möglichkeit nicht», erklärt Bucher in einem kurzen Moment der Pause. Doch schon muss er wieder los, denn vor der Tür warten bereits zahlreiche Bezüger. Sie wissen, was sie im Pfarreizentrum erwartet, und so läuft alles nach einem stillen Plan. Mit einer Bezugskarte, die von den Sozialdiensten ausgestellt wird, treten sie an Bucher heran. Er begrüsst sie, wechselt einige Worte – man kennt sich. «Das ist ein wichtiger Aspekt für mich als Gemeindeseelsorger. Ich kenne die Schicksale und möchte als Ansprechperson für sie da sein, sie auffangen», erklärt er. Er wolle es aber nicht religiös «ausschlachten», stellt der Gemeindeleiter klar. Nach dem Vorweisen der Bezugskarte und dem symbolischen Beitrag von einem Franken setzt sich dann die, wie es Bucher nennt, «Schicksalsgemeinschaft» erwartungsvoll hin. Es ist eine gemischte Gruppe, auch einige Kinder sind darin auszumachen. Viele Grossfamilien befinden sich in finanzieller Notlage und leben am oder unter dem Existenzminimum. Ungefähr 120 bis 140 Personen bietet die Münchwiler Abgabestelle wöchentlich zu essen. Sie kommen aus verschiedenen Gemeinden von Aadorf bis Zuzwil.

Armut trägt sich gegenseitig

Die Warenabgabe steht an. Gemeinsam mit einem freiwilligen Mitarbeiter starten die Bezüger den Rundgang. Je ein Produkt von jedem – so die Idee. Mit zwei Taschen stehen sie bereit, vor ihnen die Lebensmittel. Wählerisch sind die Bezüger nicht. «Die Produkte müssen bei einigen für eine ganze Woche reichen», weiss Bucher und ergänzt: «Diejenigen, die jeden Freitag herkommen, haben es dringend nötig.»

Einige würden sich auch schämen, in die Abgabestellte zu kommen, erklärt Bucher, es habe auch schon Tränen gegeben. «Es ist schwieriger, in Wohlstandsländern arm zu sein als in weniger entwickelten. Wenn alle arm sind, trägt sich das gegenseitig.»

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