Immer wieder Ärger mit den Kommata

Interpunktion in städtischen Erlassen

Mathias Frei
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Es sind Fehler passiert. Das ist nicht gut. Immer wieder diese Widersprüche und Unstimmigkeiten, die redaktioneller Korrekturen bedürfen! Zum Glück gibt es aufmerksame Frauenfelder – Menschen, die diese Fehler sehen und sie daheim nicht einfach mit dem Tipp-Ex in der Reglementesammlung ausmerzen. Nein, sie stehen auf, stehen gegen diese Fehler ein. Ohne sie stünde Frauenfeld im Dauer-Ausnahmezustand. Die Wärme Frauenfeld AG wäre nichts dagegen. Hefenhofen wäre nach zwei Tagen vergessen gewesen. In den Boulevardmedien würde man von der Semikolon-Affäre lesen und vom Bindestrich-Skandal. «Komma liegt im Koma» und «Die Satzzeichen-Mörder aus dem Thurgau»: So hiessen die Schlagzeilen. Oder: «Zuerst war es nur der Dialekt – und jetzt sowas!» Journalisten aus dem In- und Ausland würden nach Frauenfeld reisen und über die Missstände mit den örtlichen Satzzeichen berichten. Von einer humanitären Katastrophe wäre die Rede. In Bern würde der Mob durch die Gassen ziehen und «Nie mehr Frauenfeld» skandieren. «Jeder Rappen zählt» würde zugunsten der vergessenen Kommata von Frauenfeld ausgerichtet.

Aber eben: Zum Glück gibt es die Redaktionskommission des Gemeinderats und MproF-Gemeinderat Fredi Marty. Vergangenen Mittwoch sind nebst der Budgetdebatte die Schlussabstimmungen zweier Reglemente angestanden. Es geht um das Reglement über die Fernwärmeversorgung und das Perimeterreglement. Die Redaktionskommission kommt zum Einsatz. Am Perimeterreglement gibt es nichts zu beanstanden. Soweit so gut. Aber dann das: «Wir sind auf einige kleine Schwächen im Reglement über die Fernwärmeversorgung gestossen und haben daher ein paar Änderungsvorschläge zur Version von der Gemeinderatssitzung vom 15. November», stellt Ralf Frei fest. Der SP-Gemeinderat ist Fernsehjournalist und Mitglied der Redaktionskommission. Ihr gehören auch Sekundarlehrer Robin Kurzbein (CH) und Key-Account-Manager Christian Wälchli (EVP) an. Die Redaktionskommission ist vom Gemeinderat zur redaktionellen Bereinigung von Gemeindeerlassen gewählt.

Ein kleines, köstlich anzuhörendes Schauspiel ereignet sich im Grossen Bürgersaal. Frei spricht von der Vereinheitlichung der Literas, von Semikola und dass sich die Kommission den Satzende-Punkt für die letzten Literas vorbehält, welche die Absätze abschliessen. Seine Rede dreht sich um den Genus, Inklusive-Aufzählungen, unbestimmte Artikel und «sowie», also das Wort. «Und weil ‹zwei› eben Plural und nicht Singular sind, heisst es ‹müssen› und nicht ‹muss›.» Frei bezieht sich auf die syntaktische Verwendung des Ausdrucks «zwei». Es geht im Reglementsartikel 7 um die Finanzierung die Fernwärmeversorgung. Und da müssen eben der Gesamtaufwand und der Betriebsgewinn durch die Erträge gedeckt sein. Also zwei Posten, die durch die Erträge gedeckt sein müssen. «Zwei», deshalb steht das Verb «müssen» im Plural. Dass Frei in seinem Votum selber ein kleiner Fehler unterläuft, fällt niemandem auf. Weil: schwieriges Thema und so. Es müsste heissen: «Und weil ‹zwei› eben Plural und nicht Singular ist, ... » Eventuell kann diese Korrektur im Gemeinderatsprotokoll noch festgehalten werden.

Wichtiger als ein Ratsprotokoll ist aber natürlich das Reglement. Und da kommt Fredi Marty (MproF) ins Spiel. Schon einmal hatte er das externe Korrektorat der Gemeinderatsprotokolle harsch kritisiert. «Ganz zu schweigen von den Interpunktionsfehlern, allem voran Kommafehler, die manchmal nur noch peinlich sind», war vergangenes Jahr von Marty zu hören. Mittlerweile ist der Journalist (unter anderem «Tages-Anzeiger») und ehemaliger Kommunikationschef der Stadt zum Gewissen der Redaktionskommission geworden, gewissermassen zum Grand-Seigneur der städtischen Interpunktion. Er findet im Reglement über die Fernwärmeversorgung ein Komma, das fehl am Platz ist. Eines zu viel. Und er steht auf, um darauf hinzuweisen. Gut, dass er aufsteht. Denn zu viele Kommata sind nicht weniger leidig als zu wenige. Das muss hier einfach mal gesagt werden. Es muss einfach stimmen. Gopferteli.

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch