Immer weniger Felchen in den Fischernetzen

Die Ertragssituation der Bodenseefischer spitzte sich 2012 dramatisch zu. Die Fänge gingen um 70 Prozent zurück – der geringe Nährstoffgehalt des Wassers bedroht den alten Berufsstand. Die Berufsfischer fordern nun in einer Petition, den Phosphatgehalt zu erhöhen.

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Michael Kugler Fachbereichsleiter Fischerei Bewirtschaftung Kanton St. Gallen

Michael Kugler Fachbereichsleiter Fischerei Bewirtschaftung Kanton St. Gallen

Die Berufsfischer zogen kürzlich in Friedrichshafen eine niederschmetternde Bilanz über die vergangene Saison. 2011 hatten die Fischer mit 804 Tonnen – 78 Prozent davon Felchen – noch ein leichtes Plus gegenüber früheren Jahren verzeichnet und Hoffnung geschöpft. Der Schein trog aber gewaltig. Die Situation der Berufsfischer habe sich dramatisch entwickelt und spitze sich immer mehr zu, sagte Wolfgang Sigg, Vorsitzender des Internationalen Bodenseefischereiverbandes (IBF).

Der Brotfisch bleibt aus

Nach beruhigenden Fängen im Frühjahr befanden sich im Laufe des Sommers 2012 immer weniger Fische in den Maschen. Besonders der Brotfisch Felchen blieb vielfach gänzlich weg. In einzelnen Regionen des Bodensees waren zwar noch ein paar Fische mehr in den Netzen, doch ebenfalls weit weniger als im Jahr zuvor. Man könne davon ausgehen, dass der Felchenertrag im östlichen Seeteil 2012 nur noch 30 Prozent des Vorjahres betragen habe, sagt Sigg.

Bereits im Vorfeld des Fischergipfels in Friedrichshafen hatte Manfred Klein, bayrisches Mitglied der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz (IBKF), geäussert, dass ein Fangrückgang von 70 Prozent zu beklagen sei. Die Gründe des unerwarteten Einbruchs seien für die Fischereiexperten rätselhaft. Alles deute aber darauf hin, dass der Bestand an fangfähigen Fischen ausgefischt und die Gesamtpopulation besonders an Felchen schwach sei. Amtliche Experten hatten in den letzten Jahren immer wieder betont, es seien genug Fische im See, sie seien aufgrund der Planktonentwicklung nur mehr verstreut und deshalb schwerer zu fangen.

Zu früh abgefischt

Möglicherweise gebe es auch weniger Nachwuchs im See, hatte Manfred Klein hinzugefügt. Immer wieder war kritisiert worden, durch die Bewirtschaftungsvorschriften mit vorgeschriebenen Maschenweiten seien die für die Laichmengen verantwortlichen grösseren Felchen zu früh abgefischt worden. Gegenwärtig läuft die Versuchsfischerei, mit der die Hochzeitsreife der Felchen vor dem in den nächsten Tagen angesetzten Laichfischen ermittelt werden soll, um Material für die künstliche Aufzucht zu gewinnen. Die ersten Netzzüge etwa vor Rorschach ergaben nicht gerade ermutigende Ergebnisse.

Schon im Spätherbst 2011 waren die Brutgläser in den Zuchtanstalten rings um den See nur mangelhaft mit Laich gefüllt. Für die Berufsfischer ist klar, dass sich das Ökosystem Bodensee stark verändert hat. Sie brachten deshalb ihre Befürchtungen in einer Petition zum Ausdruck. Der See drohe wegen des stark gefallenen Nährstoffgehaltes zur «blauen Wüste» zu werden, in der sich Fische und andere Lebewesen nicht mehr entwickeln können. In ihrem Appell betonten die Fischer, dass sie nicht für einen überdüngten See sind und den Stellenwert des Trinkwasserspeichers Bodensee anerkennen. Nur ein paar Milligramm mehr Phosphate aber könnten die Trinkwasser-Qualität beeinträchtigen. Mit der Reinhaltung des Bodensees durch Milliardeninvestitionen in Kläranlagen habe man über das Ziel hinausgeschossen.

60 Prozent genetisch verändert

Die Fachleute seien mit ihren Prognosen über einen sich auf Dauer einpendelnden Phosphatgehalt bei zehn bis zwölf Milligramm pro Kubikmeter daneben gelegen. Dies beweise der aktuelle Stand von 5,7 Milligramm – Tendenz weiter fallend. Dies müsse dazu führen, dass ein Zustand wie im Brienzer See erreicht werde, der nur noch einen Phosphatgehalt von ein bis zwei Milligramm pro Kubikmeter aufweise. Der Fischertrag im Brienzersee sei auf 0,7 Kilo pro Hektar gesunken, die Felchen werden mit maximal 16 Zentimeter Länge gefangen. Dazu seien 60 Prozent der Tiere genetisch verändert – dass darüber hinaus ältere Fische keine Geschlechtsorgane mehr aufweisen, müsse die Fachwelt in Schrecken versetzen, heisst es in der Petition der Fischer.

Fischer fordern Innovationen

Keinen Zweifel haben die Fischer, dass zwischen Nährstoffgehalt und Fangertrag ein direkter Zusammenhang besteht. Früher sei der Phosphatgehalt erheblich höher gewesen. In den 1980er-Jahren – während der starken Überdüngung des Sees – wuchsen die Felchen viel rascher. Es dauerte nur gut zwei Jahre, bis die Tiere in den Netzen hängen blieben. Heute aber brauchen die Felchen fünf bis sechs Jahre, bis sie nicht mehr durch die Maschen schlüpfen.

Wie Wasserqualität und Fischbestände unter einen Hut zu bringen sind, wissen die Fischer auch nicht. Beifall gab es aber für die Aufforderung in Richtung der behördlichen Experten, «innovative Ansätze» zu finden. Die Petition schloss mit der Forderung nach einem Paradigmenwechsel der wissenschaftlichen Theorien zum Thema Phosphate. (gg)

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