Im Suff zum Messer gegriffen

In der TZ von 1917

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In der heutigen letzten Verhandlung befasst sich das Geschworenengericht mit dem Italiener Carlo Galli, Handlanger, von Lurate Caccivio (Provinz Como), wohnhaft gewesen in Istighofen, geb. 1884, beschuldigt des Totschlagsversuchs, eventuell der Körperverletzung, begangen im Affekt.

Unklar, wie stark betrunken der Angeklagte war

Die Beweisaufnahme ergibt Folgendes: Am Abend des 24. September 1916 kam es zwischen Galli und seinem Mitarbeiter Angelo Volonte in der Wirtschaft «zum Schlüssel» in Bürglen zu einem Rencontre mit Tätlichkeiten, hauptsächlich durch das Verhalten des Volonte hervorgerufen. Darüber, ob Galli betrunken gewesen sei oder nicht, gehen die Zeugendepositionen auseinander; immerhin scheint so viel festzustehen, dass er nicht ganz nüchtern war. Der Angeklagte hat sich dann nach Hause (Ziegeleibarrake Istighofen) begeben und dort in der Küche noch etwas Brot und Käse zu sich genommen, als Volonte ebenfalls heimkehrte. Sofort begannen die Wortwechsel und die Tätlichkeiten von neuem. Galli konnte sich losreissen, eilte in sein Schlafgemach, das er mit anderen Arbeitern teilte, und holte dort ein Rasiermesser mit den Worten: «Heute Abend werde ich jemanden töten.» Mit dem Messer in die Küche zurückgekehrt, brachte er dem Volonte, der sich an den Tisch gesetzt hatte, von hinten eine tiefe Schnittwunde bei, die sich vom rechten Ohr über das Genick bis in die Mitte des linken Unterkiefers zog. Nach den Feststellungen der Ärzte war die Verletzung an und für sich nicht lebensgefährlich, hätte aber die Möglichkeit der Verblutung und die Gefahr einer tödlichen Infektion der Wunde bestanden, wenn nicht sofort Dr. med. Schildknecht in Weinfelden eingegriffen hätte. Am 20. November war Volonte wieder hergestellt und arbeitsfähig.

Ein anderer Beweggrund zur Tat als der erst an diesem Tage ausbrechende und unvermittelt vorausgehende Streit konnte nicht nachgewiesen werden. Der Angeklagte stellte jede Tötungsabsicht in Abrede und erklärte sich nur der Körperverletzung schuldig. Auf die an ihn gestellten Fragen lautete seine stereotype Antwort: «Ich kann mich nicht erinnern; ich war betrunken.»

Die Anklagekammer hat den Angeklagten auf das Verlangen des Verteidigers, das durch gewisse Momente (wie wiederholte Selbstmordversuche) begründet war, der Irrenheilanstalt Münsterlingen zur Beobachtung überwiesen. Das psychiatrische Gutachten des Dr. med. Wille bezeichnet den Galli nicht als eigentlichen Psychopathiker, stellte aber fest, dass er die Tat in einem pathologischen Affekt­zustand bei sehr verminderter Zurechnungsfähigkeit begangen habe.

Zu zehn Monaten Arbeitshaus verurteilt

Den Geschworenen wurde die Frage vorgelegt: «Hat der Angeklagte im Zustande verminderter Zurechnungsfähigkeit absichtlich, jedoch ohne Vorbedacht in plötzlicher Aufregung rechtswidrig die Tötung des Angelo Volonte auszuführen versucht, wobei der Angeklagte ohne eigene Verschuldung durch eine ihm zugefügte Misshandlung oder schwere Beleidigung zum Zorne gereizt und dadurch auf der Stelle zur Tat hingerissen worden ist?» Die Antwort lautete «Ja». Gestützt auf dieses Schuldverdikt spricht die Kriminalkammer den Angeklagten des Totschlagversuches, begangen im Zustande erheblich verminderter Zurechnungsfähigkeit, schuldig und verurteilte ihn aufgrund der §§ 59, Abs. 33 und 42 Str.G.B. entgegen dem auf acht Monate Arbeitshaus lautenden Antrag der Staatsanwaltschaft zu einer Arbeitshausstrafe von zehn Monaten unter verhältnismässigem Abzug der Haft vom 25. September bis 10. November und unter vollem Abzug seit dem 11. November 1916.