Im Sonderflug nach Tiflis fliegt kein Dolmetscher mit

Sonntagsgericht

Silvan Meile
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Aus dem Treppenhaus kommen Geräusche. Es ist mitten in der Nacht, kurz vor halb zwei Uhr. Eine Hausbewohnerin wird hellhörig. Sie blickt durch das Guckloch ihrer Wohnungstür und sieht einen Mann mit hochgezogener Kapuze. Mit Hilfe eines Schraubenziehers versucht er, die Wohnungstür ihrer Nachbarin aufzuwuchten. Die Frau geht zum Telefon und wählt die Nummer der Polizei.

Neun Minuten später ist auch die Polizei im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses in Kreuzlingen. Sie nimmt einen 27-Jährigen und einen 32-Jährigen fest, beide aus Georgien. Ausserdem finden die Polizisten Handschuhe und Werkzeug. Die Haustüre ist nicht aufgebrochen. Spuren zeigen aber, dass versucht wurde, sie an verschiedenen Stellen gewaltsam zu öffnen.

Sie hätten nicht vorgehabt, etwas in der Wohnung zu stehlen, sagen die beiden Georgier der Richterin am Bezirksgericht Kreuzlingen. Kalt sei ihnen gewesen, der Regen habe ihre Kleider in jener Nacht durchnässt gehabt. Deshalb hätten sie sich ein Dach über dem Kopf gesucht, eine Dusche hätten sie auch noch nehmen wollen. Rein zufällig seien sie am Mehrfamilienhaus vorbeigekommen, hätten es durch die unverschlossene Tür betreten. «Was muss ich noch tun, um Sie zu überzeugen, dass ich kein Krimineller bin?», sagt die georgische Übersetzerin im Namen eines der Angeklagten. Und betrunken gewesen sei er auch, er möge sich sowieso an gar nichts mehr erinnern. Locker lehnt er im Stuhl vor der Richterin, im Nacken zwei Polizisten. Schnell sind die Nerven der Richterin strapaziert, weil der Angeklagte ihr ständig in georgischer Sprache ins Wort fällt. «Stopp! Sonst verweise ich Sie aus dem Gericht», sagt die Richterin genervt. Daraufhin richtet sich der Angeklagte in seinem Stuhl auf. Zigaretten fallen aus der Tasche des Kapuzenpullis. «Ihr Schweizer habt mir nur Probleme gemacht, mein Leben durcheinandergebracht», sagt er. «Wann werde ich entlassen?» Seit viereinhalb Monaten sitzt er unschuldig in Untersuchungs- beziehungsweise Sicherheitshaft.

Die Staatsanwältin zeichnet ein anderes Bild. Die beiden Männer hätten auf der angeblichen Suche nach einem Schlafplatz jene Werkzeuge mitgetragen, die typischerweise für Einbrüche genutzt würden. «Sie hatten 320 Euro bei sich, hätten auch ein günstiges Hotelzimmer nehmen können.» Oder im Auto übernachten, wie sie es die Tage vor der Festnahme auch machten. Die Aussagen der beiden sei eine Verteidigungs-strategie. «Es besteht kein Zweifel», sagt die Staatsanwältin, «sie waren auf der Suche nach Deliktsgut.» Dass sie zu Diebstahl bereit seien, zeige ein Blick ins Strafregister. Beide sind in der Schweiz und Deutschland mehrfach vorbestraft. Der Polizei sind sie unter verschiedenen Namen bekannt. Einer ist bereits mit einer Einreisesperre für die Schweiz belegt.

«Er habe keine Kenntnis vom Einreiseverbot gehabt, weil ihm dieses nie übersetzt wurde», macht sein amtlicher Verteidiger geltend. Die Staatsanwältin hält dagegen. Der Angeklagte sei damals ausgeschafft worden. Auf dem Linienflug, der ihn nach Tiflis bringen sollte, habe er sich so renitent verhalten, dass er mit einem Sonderflug ausgeflogen werden musste. «Da fliegt nicht noch ein Dolmetscher mit.»

Sechs und neun Monate Haft forderte die Staatsanwältin. Und einen fünfjährigen Landesverweis. Die Verteidiger plädierten auf drei Monate Haft. Die Georgier hätten sich wegen Einbruchs, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruchs schuldig gemacht. Die Verteidiger machten aber geltend, es sei nicht erwiesen, dass sich die beiden Männer bereichern wollten. Deshalb seien sie «im Zweifel für den Angeklagten» vom versuchten Diebstahl freizusprechen. Das Gericht ging nicht darauf ein, sprach einen vollen Schuldspruch aus und erhöhte die Strafe sogar um je einen Monat. Daraufhin legten beide Verteidiger sofort Berufung ein. Dann klickten bei den Georgiern die Handschellen wieder zu.

Silvan Meile