Im Schloss Berg hängt der Haussegen schief

Das Personal werde schikaniert, die Bewohner dadurch vernachlässigt: Die Anschuldigungen an die neue Leitung des Wohn- und Pflegezentrums Schloss Berg und die Betreiberin Tertianum sind happig. Vier Betroffene berichten.

Larissa Flammer
Drucken
Teilen
Das Wohn- und Pflegezentrum Schloss Berg ist malerisch in die Thurgauer Landschaft eingebettet. (Bild: Donato Caspari)

Das Wohn- und Pflegezentrum Schloss Berg ist malerisch in die Thurgauer Landschaft eingebettet. (Bild: Donato Caspari)

Im Wohn- und Pflegezentrum Schloss Berg im Kanton Thurgau herrscht dicke Luft. Ehemalige und angestellte Pflegehelfer und Pflegefachpersonen berichten von «Mobbing und Psychoterror» von Seiten ihrer Vorgesetzten. «Uns wurde der Mund verboten», erzählt S. W.* «Wir durften bei der Arbeit nicht mehr lachen, wir durften nicht mehr laut miteinander reden, wir durften die Bewohner nicht mehr duzen – obwohl viele das ausdrücklich wünschten!» S. W. wurde vor wenigen Tagen entlassen. Vielen sei es wie ihr ergangen. Seit im vergangenen Herbst eine neue Leitung das Haus übernommen hat, seien gut 20 Personen und damit ein Grossteil des alten Pflegeteams weg. Viele wurden entlassen, einige gingen freiwillig. S. W. und drei ihrer ehemaligen Arbeitskollegen sind sich einig: So darf es nicht weitergehen, die Zustände in Schloss Berg müssten an die Öffentlichkeit.

Unter ihnen ist auch Frank Niesing. Im Gegensatz zu den anderen verzichtet er auf die Anonymität des Quellenschutzes, er möchte seine Geschichte erzählen. Der Deutsche ist diplomierter Pflegefachmann und hat gut drei Jahre im Schloss Berg gearbeitet. Er hat miterlebt, wie im Sommer 2015 die schweizweit tätige Tertianum AG Schloss Berg übernommen hat und wie diese vor etwas mehr als einem halben Jahr eine neue Leitung einstellte. Seither – so die übereinstimmende Aussage der vier Personen – ging es steil bergab.

Während Krankheit gefeuert und über Dritte davon erfahren

Vor wenigen Tagen ging es Niesing während eines Spätdiensts nicht gut, er hatte einen Puls von 150, seine Kollegin hat den Notruf gewählt. Weil er der einzige diplomierte Pfleger auf der Station war – Pflegehelfer sind zum Beispiel nicht autorisiert, Medikamente zu verabreichen – hat die Kollegin dem Protokoll gemäss Unterstützung angefordert. Die Leiterin Pflege und Betreuung habe gesagt, sie habe Besuch und könne nicht helfen. Die Geschäftsführerin sei nicht erreichbar gewesen, der Regionalleiter bei Tertianum habe am Telefon gesagt: «Ach, das kennen wir doch von Herrn Niesing.» Dieser kam ins Spital und wurde vom Hausarzt vier Wochen krankgeschrieben. Seine Kollegin, die Pflegehelferin, sei mit 34 Klienten an jenem Abend alleine im Haus gewesen. «Ein schweres Vergehen», sagt eine von Niesings ehemaligen Kolleginnen.

Am Tag nach dem Vorfall hätte der Deutsche zusammen mit drei anderen ein bereits zuvor vereinbartes Treffen mit dem Gebietsleiter gehabt. Niesing nahm nicht teil. Die anderen drei erhielten anlässlich des Gesprächs die Kündigung, dem 49-Jährigen wurde per Brief mitgeteilt, dass er «aufgrund mangelnden Vertrauens» freigestellt sei und nach Ablauf der Krankschreibung gefeuert werde. Schon bevor er den Brief erhielt, wurde das gesamte Team über die vier Kündigungen informiert. Wie Niesing erzählt, erfuhr er zuerst von Arbeitskollegen von seiner Freistellung.

Andere Angestellte seien direkt nach der fristlosen Kündigung von der Pflegedienstleitung zum Spind und dann vor die Tür begleitet worden. «Sie durften sich von niemandem verabschieden und erhielten Hausverbot», erzählt S. W. Zuvor seien sie kontrolliert worden, damit sie nichts vom Schloss mitgehen liessen. «Wie Penner sind sie behandelt worden», sagt T. A.*

Stellungnahme von Tertianum: «Es gab keine Hausverbote»

Seit vergangenem Herbst hätten sechs Personen des gesamten Pflegeteams von Schloss Berg gekündigt. Das stelle keine Auffälligkeit dar, sagt René Alpiger, Mitglied der Geschäftsleitung der Tertianum AG und als Gebietsleiter auch für den Thurgau zuständig. Die Austritte seien durch private Entscheide begründet. «Leider kommt es immer wieder einmal vor, dass wir uns vereinzelt von einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter mangels Leistung, Fachkompetenz oder aus Differenzen im Pflegeverständnis trennen müssen », schreibt er in einer Stellungnahme. Fristlose Kündigungen seien aber keine ausgesprochen worden und auch ein Hausverbot habe es in Schloss Berg bis heute in keinem Fall gegeben.

Alpiger teilt auf Anfrage mit: «Im Rahmen des Führungswechsels sind Unstimmigkeiten bezüglich der Einhaltung von Vorgaben und Weisungen aufgetreten. Leider mussten wir feststellen, dass sich eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Bereich Pflege weigerte, Sicherheitskonzepte in der Praxis umzusetzen und die Vorgaben gemäss dem Verhaltenskodex einzuhalten. » Eine Mitarbeiterin, welche aufgrund der angespannten Stimmung im Pflegeteam gekündigt hatte, habe man aber bereits zurückgewinnen können. Im Bereich Hotellerie mit Küche, Service, Hauswirtschaft, Wäscherei und technischer Dienst sowie in der Administration gebe es diesbezüglich keine Differenzen.

Die Geschäftsleitung und die Regionalleitung seien über die Vorkommnisse in den Häusern von Tertianum informiert. In mehreren Einzel- und Teamgesprächen hätten die Leiterin von Schloss Berg und der Regionalleiter die Stimmungen aufgenommen. An Infoveranstaltungen für Mitarbeitende sei offen diskutiert worden, die Inhalte seien aufgenommen und bearbeitet worden. Für den Bereich Pflege sei zudem eine etablierte externe Supervisorin zugezogen worden.

Die Angehörigen der Bewohner, die Hausärzte und Partner sowie das Thurgauer Amt für Gesundheit seien am 23. Mai schriftlich über die Situation in Schloss Berg informiert worden. Die Personalvergabe des Kantons werde weiterhin eingehalten, es seien also ausreichend Pfleger beschäftigt. Austritte oder Vertragskündigungen von Bewohnern seien bis heute keine zu verzeichnen. An monatlichen «Gästestammtischen» würden die Bedürfnisse und die Stimmung bei den Gästen abgeholt und die Inputs im Team aufgenommen.

«Die Bewohner sind im Prinzip eingesperrt»

Unter der ehemaligen Leitung sei die Arbeit auf Schloss Berg vergleichsweise «das Paradies auf Erden» gewesen, so S. W. Der Vorwurf einer ehemaligen Angestellten: «Die neue Leitung hat systematisch versucht, das alte Team zu ersetzen.» Das hat die teils langjährigen Arbeitskollegen zusammengeschweisst, wie Niesing bestätigt. Eine Kollegin sei gefeuert worden, weil sie «einmal zu oft Nein gesagt» hat. Ein gemeinsamer Brief, ein Schreiben an die Gewerkschaft Unia, der Hilferuf beim CEO der Tertianum AG; das alles habe nichts bewirkt. «Die Verantwortlichen im Thurgau kehren alles unter den Tisch», sagt T. A. Auffällig viele Angestellte seien seit vergangenem Herbst aus psychischen Gründen krankgeschrieben gewesen. «Wir sind durch die Arbeit nervlich und psychisch am Ende und dann wird das gegen uns verwendet», sagt S. W.

Durch die vielen Kündigungen sei das Pflegeteam auf Schloss Berg unterbesetzt. «Es müssen viele Temporär-Arbeiter eingestellt werden», weiss eine der Auskunftspersonen. Es habe noch nie so viele Fälle von Hautpilz bei den Bewohnern gegeben. Gleich mehrere würden zur Zeit nach einem anderen Wohn- oder Pflegezentrum suchen. «Es tut mir so leid, dass die Bewohner leiden», sagt T. A. «Da die meisten alten Pfleger weg sind, haben die Bewohner keine Vertrauenspersonen mehr. Bei so wenig Personal fehlt jetzt auch die Zeit für eine sorgfältige Pflege oder ein Gespräch. Viele Bewohner regen sich zudem auf, dass sie andauernd von neuen, fremden Personen angefasst werden», ergänzt C. E.*

Vor Angehörigen der Bewohner würde die Zentrumsleitung stets betonen, man würde ihnen jeden Wunsch erfüllen. Dabei würden fast militärische Zustände herrschen. «Die ersten Gäste sind jeweils gegen 7.15 Uhr im Frühstücksraum. Kaffee gibt es aber strikt erst um 7.45 Uhr», erzählt T. A. Einige Bewohner hätten ans Alpenland Festival in Bürglen gewollt. Zwei Tage davor habe die Leitung verlauten lassen, dass das nicht möglich sei, obwohl sie versprochen habe, Tickets zu besorgen. «Sie sind im Prinzip eingesperrt.»

Frank Niesing und seine ehemaligen Arbeitskollegen suchen sich einen neuen Job. «Aber ganz sicher ausserhalb der Tertianum AG.» Niesing glaubt, dass es der Gruppe nur noch ums Geschäft geht. «Die Aktionäre wollen halt ihre Rendite von 8,5 Prozent.» Er sei in die Schweiz gekommen in der Hoffnung, dass die Pflege hier noch etwas menschlicher sei. Anfangs sei das auch noch so gewesen. «Heute sind die Zustände in der Pflege aber leider überall haarsträubend.»

*Namen der Redaktion bekannt

Neue Entwicklungen: Zweieinhalb Jahre später berichten die Verantwortlichen über die aktuelle Situation: