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Im Rückzugsort wird's unbehaglich

Die Kantonspolizei Thurgau verhaftet im Rahmen einer konzertierten Aktion zwölf mutmassliche Mitglieder der 'Ndrangheta. Sie sollen nach Italien ausgeliefert werden. Der Frauenfelder Stadtpräsident ist froh, dass die Ruhe der kriminellen Organisation gestört wird.
Ida Sandl
Szene aus dem Mafia-Treffen in den Räumen des Boccia-Clubs in Wängi. Das Treffen wurde von der Polizei heimlich gefilmt. Die Unterhaltung drehte sich um Blut und Ehre, aber auch um Drogengeschäfte. (Bild: Carabinieri di Reggio Calabria)

Szene aus dem Mafia-Treffen in den Räumen des Boccia-Clubs in Wängi. Das Treffen wurde von der Polizei heimlich gefilmt. Die Unterhaltung drehte sich um Blut und Ehre, aber auch um Drogengeschäfte. (Bild: Carabinieri di Reggio Calabria)

Als sie kamen, war es noch dunkel: Gleichzeitig klingelten Thurgauer Kantonspolizisten am Dienstag frühmorgens an den Türen von zwölf mutmasslichen Mitgliedern der 'Ndrangheta. So nennt sich die kalabrische Mafia, die mittlerweile als einflussreichste Mafia-organisation in Italien gilt. Alle zwölf Männer waren zu Hause und alle zwölf wurden abgeführt. «Problemlos und ohne Zwischenfälle sind die Verhaftungen verlaufen», sagt Andy Theler, Sprecher der Kantonspolizei. Die nächtliche Stunde war klug gewählt, noch bevor die ersten zur Arbeit gingen. Die Verdächtigen wurden von der konzertierten Aktion dermassen überrumpelt, dass sie keine Chance hatten, sich gegenseitig zu warnen.

Aktion minutiös vorbereitet

Vor allem im Raum Frauenfeld und in den Regionen Weinfelden und Hinterthurgau seien Männer verhaftet worden, sagt Theler. «Eine hohe zweistellige Zahl von Polizisten war am Einsatz beteiligt.» Die Aktion war minutiös geplant. «Nur deshalb war die Erfolgsquote von 100 Prozent möglich.» Schon Wochen zuvor hatte das Bundesamt für Justiz mit der Thurgauer Staatsanwaltschaft und der Kantonspolizei Kontakt aufgenommen. Von da an liefen die Vorbereitungen.

Szene aus dem Mafia-Treffen in den Räumen des Boccia-Clubs in Wängi. Das Treffen wurde von der Polizei heimlich gefilmt. Die Unterhaltung drehte sich um Blut und Ehre, aber auch um Drogengeschäfte. (Bild: Carabinieri di Reggio Calabria)

Szene aus dem Mafia-Treffen in den Räumen des Boccia-Clubs in Wängi. Das Treffen wurde von der Polizei heimlich gefilmt. Die Unterhaltung drehte sich um Blut und Ehre, aber auch um Drogengeschäfte. (Bild: Carabinieri di Reggio Calabria)

Nur einer stimmt der Auslieferung zu

Den Verhafteten wird die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Sie wurden festgenommen, nachdem Italien Auslieferungsgesuche gestellt hatte. Gestern nachmittag wurden sie befragt, ob sie einer Auslieferung nach Italien zustimmen. Nur einer war damit einverstanden, die anderen haben sich widersetzt. Das Bundesamt für Justiz erwägt, sie auf Kaution freizulassen, bis über ihre Auslieferung entschieden ist. Da die Männer wussten, dass die italienischen Strafverfolger seit längerem hinter ihnen her sind, stufe man das Fluchtrisiko und die Verdunklungsgefahr als gering ein, sagt Folco Galli, Sprecher des Bundesamtes für Justiz. Der Mann, der mit seiner Auslieferung einverstanden ist, hat nun drei Tage Bedenkzeit.

Die Verhaftungen der mutmasslichen 'Ndrangheta-Mitglieder kommen nicht überraschend. Gerüchte über eine Mafiazelle – Locale genannt – in der Region Frauenfeld gab es schon seit längerer Zeit. Dass der Arm der 'Ndrangheta tatsächlich in den Thurgau reicht, bewies ein Video über ein Mafiatreffen in Wängi. Die Ermittler hatten das Treffen heimlich gefilmt. Die italienische Polizei stellte es daraufhin ins Internet und entfachte damit einen regelrechten Medienwirbel. Die Szenen im Video wirken, als wären sie dem Drehbuch eines Hollywoodfilms entsprungen. Es ist von Blut und Ehre die Rede, aber auch von Drogengeschäften. Kurz vor dem Auftauchen des Videos waren zwei Männer aus dem Thurgau in Kalabrien verhaftet worden, es soll sich um den Boss der Frauenfelder Zelle und seine rechte Hand handeln. Sie sind mittlerweile zu 14 und 12 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Spätestens seit der Anklage gegen die beiden Thurgauer in Kalabrien sind auch die Namen der übrigen Mitglieder der Frauenfelder Locale bekannt. Trotzdem ist lange Zeit nichts passiert.

Nicht ernst genommen

«Das lag nicht an unserer Staatsanwaltschaft», sagt SVP-Kantonsrat Hermann Lei aus Frauenfeld. Er fühlt sich durch die Verhaftungen bestätigt. Schon im Herbst 2014 wollte er im Rahmen einer Einfachen Anfrage von der Thurgauer Regierung wissen, was sie zu tun gedenke, damit sich die Mafia nicht weiter im Thurgau ausbreite. Die Antwort fiel für ihn ernüchternd aus. Sie habe erst aus den Medien von der Frauenfelder Mafiazelle erfahren, antwortete die Regierung und verwies darauf, dass «der Nachweis einer blossen Mitgliedschaft, etwa die Teilnahme an Ritualen, nach schweizerischem Recht nicht ausreicht für eine tatbestandsmässige Beteiligung an einer kriminellen Organisation». Die Mitglieder müssten sich auch aktiv mit legalen oder illegalen Handlungen an der kriminellen Organisation beteiligen. «Ich hatte den Eindruck, man nimmt mich und die Sache nicht ernst», sagt Hermann Lei.

Das Bundesamt für Justiz sieht dies inzwischen wohl anders. Für die jetzt Verhafteten scheint die Zugehörigkeit zur kriminellen Organisation als Straftatbestand zu genügen. Aufgezählt werden die Teilnahme an Riten und der bedingungslose Gehorsam. Man sei zum Schluss gelangt, schreibt das Bundesamt für Justiz, «dass der in den Auslieferungsersuchen dargelegte Sachverhalt auf den ersten Blick auch in der Schweiz gemäss Art. 260ter StGB strafbar ist und damit namentlich die beidseitige Strafbarkeit als Voraussetzung für eine Auslieferung erfüllt ist». Der Jurist Lei sagt dazu: «Das geht für mich nicht ganz zusammen.» Gleichzeitig mit den Thurgauer Verhaftungen wurde im Kanton Zürich ein Verdächtiger festgenommen, auch er soll der Frauenfelder Zelle angehören, sagt Justizsprecher Galli. Im Kanton Wallis wurden ebenfalls zwei Männer verhaftet.

Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld, erfuhr von der Polizei von den Verhaftungen. Er unterstützt die Aktion. «Es kann nicht sein, dass kriminelle Organisationen die Region als Rückzugsort nützen», sagt er. «Ich bin froh, dass dies nun unterbunden worden ist.»

«Nicht unsere Sache»

Gespürt von der Anwesenheit der Mafia in Frauenfeld habe er aber nichts, sagt Stokholm. Das behaupten auch die Vertreter italienischer Vereine im Thurgau. Sie werden einsilbig, wenn es um die Mafia geht. «Das sind Geschichten für die Medien», sagt einer. Die 'Ndrangheta-Locale sei kein Thema unter Italienern. Er habe zwar das Video gesehen, halte es aber für aufgebauscht.

Ein anderer meint: «Die Leute müssen selber wissen, was sie machen.» Er und seine Kollegen hätten mit der Mafia nichts zu tun: «Das ist nicht unsere Sache.»

Sitzt in Kalabrien in Haft: Der Taxifahrer aus Frauenfeld. (Bild: Mathias Frei)

Sitzt in Kalabrien in Haft: Der Taxifahrer aus Frauenfeld. (Bild: Mathias Frei)

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