Im kulturellen Abseits

«Ich mache mir Sorgen», sagt meine Frau Turmspatz und schaut von ihrer Zeitung auf. «Was ist, mein Spatz?» «Das Leben wird wieder komplizierter.» Sie seufzt hörbar. «Überall werden sichtbare und unsichtbare Zäune aufgebaut, um Menschen auszusperren.

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«Ich mache mir Sorgen», sagt meine Frau Turmspatz und schaut von ihrer Zeitung auf. «Was ist, mein Spatz?» «Das Leben wird wieder komplizierter.» Sie seufzt hörbar. «Überall werden sichtbare und unsichtbare Zäune aufgebaut, um Menschen auszusperren.» «Da haben wir es ja gut mit unseren deutschen Nachbarn», antworte ich und zeige über den See auf die Höri. «Wir können einfach hinüber- und auch wieder zurückfahren, so wie es uns gerade passt. Wenn wir den Wagen nicht übermässig mit Fleisch, Milchprodukten und Textilien überfüllen, winken uns auch die eigenen Zöllner durch. An der Grenze anhalten müssen wir nur, um die vielen Ausfuhrscheine abzustempeln, die wir während des Einkaufssamstags in Singen sammeln.» «Unsere Grenze ist nicht mehr so durchlässig. Vor allem kulturell gesehen.» «Gerade kulturell gibt es doch keine Unterschiede. Wir alle erzählen unsere Geschichten in der gleichen Sprache.» Ich zeige auf unser Büchergestell. «Da haben wir Autoren aus Deutschland, der Schweiz und aus Österreich. Die Erzählkunst ist grenzenlos.» «Nicht für uns», seufzt sie und legt ein kleines Büchlein auf den Tisch. Es ist das Programmheft des heimischen Lesefestivals «Erzählzeit ohne Grenzen». «Singen, Schaffhausen, Gailingen, Stein am Rhein. Überall treten bekannte Autoren auf, nur . . .» «Das ist vorbildlich», unterbreche ich meine Frau, «das Festival zeigt doch, dass man mit Geschichten Grenzen abbauen kann.» «Um sie weiter südlich wieder aufzubauen», sagt sie wütend. «Die Kulturgrenze ist nicht weg, sie hat sich verschoben und erhebt sich nun am Rand des Thurgaus. Wir stehen in der kulturellen Wüste, unsere Gemeinden haben sich wieder einmal selber ausgesperrt.»