Im Herzen brennt's noch immer

Feueralarm am Tag vor Weihnachten in der historischen Konstanzer Altstadt. Der finanzielle Brandschaden ist enorm. Und 54 Menschen verlieren ihr Heim. Auch Franziska Alleborn und die Familie Bono. Nun machen sich die Betroffenen selbst Mut.

Aurelia Scherrer
Drucken
Teilen
«Wir bauen das Haus wieder auf, der Wille ist da», sagt Franziska Alleborn vom Schuhgeschäft Haug. (Bild: Aurelia Scherrer)

«Wir bauen das Haus wieder auf, der Wille ist da», sagt Franziska Alleborn vom Schuhgeschäft Haug. (Bild: Aurelia Scherrer)

Konstanz. Am Morgen des Vorweihnachtstages hört Franziska Alleborn vom Schuhhaus Haug im Autoradio, dass in der Altstadt ein historisches Gebäude brennt. Später sieht sie, dass das Dach des Hauses Hussenstrasse 3 in Flammen steht. Panisch habe sie gedacht: «Bei uns nebenan ist alles aus Holz. Dann habe ich gesehen, dass auch unser Haus brennt.» Es ist das Eckhaus, das später in sich zusammenstürzt, das Haus, in dem sie aufgewachsen ist.

Sie ist den Tränen nahe

Wenn sie davon spricht, stehen der Geschäftsfrau die Tränen in den Augen. «Aber wir bauen das Haus wieder auf! Der Wille ist da», sagt sie tapfer. Damit spricht sie sich selbst ein bisschen Mut zu, sie, die ihren Geschwistern eine Stütze und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Vorbild sein muss. Aber trotzdem: Im Haus zum Bub, dem wundervollen mittelalterlichen Gebäude, dessen wahrer historischer Schatz im Innern verborgen war und das jetzt nicht mehr existiert, stecken unzählige Erinnerungen der Kindheit.

«Schauen Sie dort oben. Das war einmal mein Kinderzimmer.»

Franziska Alleborn nimmt all ihre ganze Kraft zusammen, plant den Wiederaufbau und eine Interimslösung für ihr Schuhgeschäft. Sie ist versichert, auch gegen den Betriebsausfall. Es muss weitergehen, auch für ihre Mitarbeiter. Sie hat viel Arbeit mit Planung, Regelungen mit Lieferanten, dem Stoppen von Ware. Und darüber ist Franziska Alleborn froh, denn: «Solange ich gefordert bin, kann ich nicht nachdenken.

Und das ist gut so. Sonst komme ich ins Grübeln.»

«Mama, hier brennt's!»

Den Morgen des 23. Dezember 2010 hat auch Ketty Bono noch längst nicht verkraftet. Auch Wochen nach dem tragischen Ereignis fällt es der 30jährigen Mutter dreier Kinder immer noch schwer, etwas zu essen. «Ich kenne mich gar nicht so. Ich war sonst immer die Starke», sagt sie und ist froh, dass ihr Mann Giacomo fest an ihrer Seite steht.

Trotzdem kommen die Erinnerungen immer wieder hoch. Zu allem Überfluss hat es am 2. Januar auch noch in der Nachbarschaft ihrer kleinen interimistischen Zwei-Zimmer-Wohnung gebrannt. Die Kinder haben es zuerst gemerkt. Vito (6), Giuseppe (6) und Lorenzo (5) haben diesen Brandgeruch, den sie wahrscheinlich ihr Leben lang nicht mehr vergessen können, sofort wahrgenommen, sind aus dem Kinderzimmer gerannt, haben die Türe hinter sich geschlossen und gerufen: «Mama! Hier stinkt es! Hier brennt es!»

«Mama, die Feuerwehr!»

Und schon wieder ist dieser Donnerstag, der 23. Dezember 2010, präsent: Keine Schule. Endlich konnten sie einmal ausschlafen, während der Papa bereits zur Arbeit gegangen war. Lorenzo hatte sich wieder zu Mutter Ketty ins Bett gekuschelt. Ketty war wach. «Aber ich habe nichts gemerkt. Ich habe nichts gehört», sagt sie fast ungläubig. Giacomo habe ganz laut gerufen. «Mama, die Feuerwehr!»

Ketty Bono stockt in ihrer Erzählung, fährt dann aber fort: «Er hat nicht locker gelassen. Ich bin aufgestanden, habe den Rauch und die Flammen gesehen und den Kindern zugerufen: <Rennt raus! Rennt raus!>» Auch Giacomo Bono, der nach aussen hin ruhig und gefasst wirkt, macht sich viele Gedanken. «Aber wir hatten Glück», sagt er: «Wäre es in der Nacht passiert, wären wir alle nicht…»

Unzureichend versichert

Die Familie ist froh über die vielen Spenden, über die Hilfsbereitschaft und über die Interims-Wohnung. Denn versichert ist sie nur unzureichend. Giacomo Bono schüttelt resigniert den Kopf. «Ich habe wenig Ahnung von Versicherungen. Wir haben ein Rechtsschutzpaket abgeschlossen. Ich dachte, es sei eine Hausratversicherung dabei.» Von der Wohnung, die unbewohnbar geworden und deren Inventar vollkommen zerstört ist, sind ihnen lediglich das Hochzeitsalbum und zwei Kuscheltiere geblieben.

Dringend Wohnung gesucht

Trotzdem: Das Leben geht weiter – die Schule auch. Was die Familie jetzt dringend benötigt, ist eine Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnung mit etwa 80 Quadratmetern für maximal 970 Euro in der Altstadt oder im Konstanzer Stadtteil Paradies. Jetzt noch mehr Neues, Ungewohntes – nein, das will man den Kindern nicht zumuten.