Im ganzen Körper nur die halbe Kraft

Die 15jährige Camilla Bischofberger leidet an einer seltenen Muskelkrankheit. Dennoch besucht die junge Frau die Kantonsschule Kreuzlingen und führt ein normales Leben als Teenager.

Martin Wyss
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Camilla Bischofberger (Bild: Martin Wyss)

Camilla Bischofberger (Bild: Martin Wyss)

kreuzlingen. Camilla Bischofberger ist stets gut gelaunt und wird von ihren Bekannten und Freunden als Sonnenschein bezeichnet. Der Kantonsschülerin merkt man nicht an, dass sie anders ist als gewöhnliche Jugendliche in ihrem Alter. Doch die 15-Jährige leidet seit ihrer Geburt an einer sehr seltenen Muskelkrankheit, der sogenannten «mitochondrialen Myopathie».

Ihre Muskeln sind schwächer als die eines gesunden Menschen – Camilla hat im ganzen Körper nur die halbe Kraft und verfügt über wenig Stabilität. Längere Zeit gehen oder stehen kann sie nicht, darum benötigt sie für grössere Distanzen einen Rollstuhl.

Nichts mehr selbstverständlich

Bei der Geburt konnte Camilla ihren Fuss bis zum Unterschenkel hinaufklappen und hatte einen Schiefhals, eine unwillkürlich abnorme Kopfstellung.

«Wir merkten bald, dass unsere Tochter im Vergleich zu anderen Kindern körperlich schwächer war», erzählt Camillas Vater Andreas Bischofberger. Erst als Camilla drei Jahre alt war, konnte die Krankheit mittels einer Muskeluntersuchung festgestellt werden. Die Eltern waren erleichtert, endlich Klarheit über Camillas Gesundheit zu haben, auch wenn die Krankheit viele Veränderungen in den Alltag der Familie brachte. Nichts war mehr selbstverständlich. «Camilla konnte erst mit sechs Jahren den Kühlschrank selber öffnen.

Ihre Schwester Laura tat dies schon mit zwei Jahren!», erzählt Camillas Mutter.

Auch Camilla merkte bald, dass sie anders war als die Mehrheit der Kinder. «Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mit meinen Gschpänli nie herumtollen konnte», sagt Camilla. Mit ihren Eltern konnte die 15-Jährige schon früh offen über ihre Krankheit sprechen: Bereits im Kindergarten wurde ihr erklärt, was mit ihren Muskeln nicht stimmt.

Trainieren im Schwimmclub

Gemobbt oder ausgestossen wurde die 15-Jährige wegen ihres Handicaps nie. An blöde Sprüche, die gelegentlich fallen, hat sich Camilla gewöhnt und ignoriert diese selbstsicher.

Obwohl Camilla die Kantonsschule Kreuzlingen besucht und daher eine Menge Zeit mit Lernen verbringt, geht sie vielen Hobbies nach. «Ich liebe es, mit Freundinnen ins Kino oder im Sommer an den See zu gehen», sagt Camilla.

Die junge Frau spielt zudem in einer Band Marimbaphon (Schlaginstrument aus der Gruppe der Xylophone) und trainiert regelmässig in einem Schwimmverein.

Zustand stabil

Camilla hat gelernt, sich mit ihrer Krankheit zurecht zu finden und sie zu akzeptieren. Dennoch ist sich die Familie Bischofberger einig: Wenn es eine operative Möglichkeit gäbe, Camillas Schwäche aus der Welt zu schaffen, würden sie keinen Moment zögern und einen solchen Eingriff wagen. Eine derartige Operation gibt es zurzeit aber noch nicht.

Glücklicherweise ist Camillas Zustand stabil, ihre Krankheit wird sich nicht verschlimmern.

Für die Zukunft wünscht sich Camilla, immer mehr Selbständigkeit zu erlangen.

Nach der Kanti möchte sie von zu Hause ausziehen und in Zürich studieren – am liebsten Psychologie.

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