Im Dienste des äthiopischen Kaisers

Am 7. Januar vor hundert Jahren verstarb der Frauenfelder Alfred Ilg. Als gerade mal 24-Jähriger hatte Ilg eine Berufung des äthiopischen Kaisers Menelik II. erhalten, für ihn als Berater tätig zu sein. Aus den angedachten zwei Jahren wurden 27 Jahre.

Hansjörg Ruh*
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Alfred Ilg (1854–1916), Schweizer Ingenieur, Unternehmer und Politiker, in seiner Uniform als Aussenminister. (Bild: ky/photopress)

Alfred Ilg (1854–1916), Schweizer Ingenieur, Unternehmer und Politiker, in seiner Uniform als Aussenminister. (Bild: ky/photopress)

FRAUENFELD. Der Frauenfelder Alfred Ilg kam nicht gerade unter den besten Voraussetzungen zur Welt: Als uneheliches Kind der Magdalena Ilg wuchs er in bescheidenen finanziellen Verhältnissen im «Haus zum Hirschen» – neben der katholischen Kirche an der Zürcherstrasse – auf. Der aufgeweckte Junge interessierte sich für alles, was mit Technik zu tun hatte, und fiel seinen Lehrern auch durch seine grosse Begabung auf dem Gebiet der Sprachen sowie seine Musikalität auf. Im Anschluss an die Pflichtschule besuchte er die Kantonsschule, die er mit Bravour beendete.

Lehre in Frauenfeld

Seine Ausbildung als Techniker am Polytechnikum in Zürich, der heutigen ETH, schien vorgezeichnet. Dann aber starb sein Stiefvater, Oberstleutnant Neuweiler, und die Familie – Ilg hatte inzwischen zwei Halbschwestern – stand fast gänzlich mittellos da. Das zwang den jungen Maturanden zunächst zu einer Lehre in der mechanischen Werkstätte der Gebrüder Osterwalder in Frauenfeld. Im Jahr 1873 konnte er sich schliesslich seinen Traum verwirklichen: Er begann das Studium an der Universität, Abteilung Maschinenbau. Nachhilfestunden erteilen und Stipendien ermöglichten ihm die Bezahlung der Studiengebühren und seines Unterhalts. Nach fünf Jahren beendete er seine Studien und fand eine Anstellung in einer Firma in Bern, deren Inhaber ihn als seinen Nachfolger vorsah.

Ingenieur aus Europa gesucht

Doch dann kam alles anders. Der äthiopische Unterkönig von Schoa, Menelik aus dem alten Königshaus der Salomoniden, suchte einen tüchtigen Ingenieur aus Europa, der die technische Rückständigkeit des noch auf dem Stand des Mittelalters verharrenden Landes verringern sollte. Dieser Ingenieur sollte aber nicht aus einem Land stammen, das sich bereits in Afrika als Kolonialmacht festgesetzt hatte. Menelik beauftragte die Schweizer Firma Escher und Furrer in Aden (Jemen), einen geeigneten Kandidaten zu engagieren. Auf Empfehlung des Schulratspräsidenten des Polytechnikums wurde Ilg ausgewählt.

Im Mai 1878 trat Ilg seine Reise ins ferne Abessinien, dem heutigen Staatsgebiet von Äthiopien und Eritrea, an. Dort diente er am Hof von König Menelik (ab1889 Kaiser Menelik II.). Menelik vertrat die Meinung, ein Ingenieur müsse alles können: Schuhe herstellen, ein Schachbrett kreieren, Brücken bauen, die Wasserversorgung sicherstellen, Telefon und Telegraf einführen, die elektrische Beleuchtung installieren, Münzen prägen, die Post begründen und eine Eisenbahnlinie bauen. Ilg war dafür an der Planung und schliesslich am Bau der neuen Hauptstadt Abessiniens, Addis Abeba, was die «neue Blume» bedeutet, beteiligt.

Im Range einer Exzellenz

Kaiser Menelik war nicht nur Herrscher, sondern auch Grosskaufmann, in dessen Auftrag Ilg alles nur Erdenkliche kaufte und verkaufte: Werkzeuge, Maschinen, Waffen, Pfannen, Häute, Elfenbein und Gold. Da er seine Aufgaben zur Zufriedenheit Meneliks erledigte, wurde Ilg von diesem 1897 mit dem Titel «Staatsrat im Range einer Exzellenz» geehrt und für die Jahre 1897 bis 1907 zum Aussenminister ernannt. Im März 1906 reiste Staatsminister Ilg mit seiner Familie in die Schweiz mit dem festen Entschluss, höchstens noch für zwei Jahre nach Ostafrika zurückzukehren.

Verstorben in Zürich

Im Februar des Folgejahres wurde Ilg telegrafisch aufgefordert, wegen Unklarheiten in Eisenbahnangelegenheiten sofort nach Äthiopien zu reisen. Gleichzeitig begann Ilgs Einfluss bei Hofe zu schwinden, verschiedenen Intrigen konnte oder wollte er nichts entgegensetzen. Aus diesen Entwicklungen zog er die Konsequenzen und demissionierte am 5. Oktober 1907 offiziell, auch durch des Kaisers Bitten liess er sich nicht umstimmen.

Ilg war desillusioniert, und als der Kaiser 1913 starb, erkrankte Ilg selbst an einem Herzleiden, das ihm am 7. Januar 1916 in Zürich den Tod brachte.

*Hansjörg Ruh war von 1979 bis 1989 Redaktor bei der Thurgauer Zeitung beziehungsweise der Bischofszeller Zeitung. Heute ist er Berater und Fachjournalist.

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