Ihre Liebe kennt keine Grenzen

KREUZLINGEN. Der neue Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr und die Geschäftsfrau und Mutter Irene Peikoff sind seit fünf Jahren ein Paar: Eine Liebe zwischen Wien und Kreuzlingen, Behinderung und Gesundheit, inmitten vieler Verpflichtungen.

Ida Sandl
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Die Zärtlichkeit eines Blickes: Irene Peikoff und Christian Lohr beim Spaziergang in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Die Zärtlichkeit eines Blickes: Irene Peikoff und Christian Lohr beim Spaziergang in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Es gibt Wochenenden, da hat sie schon abgesagt. Keine Zeit. Dann verschiebt sich ein Meeting, und das Telefon klingelt: «Kann mich jemand in Feldkirch abholen?» Klar! Christian Lohr würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit jemand seine Freundin Irene Peikoff zu ihm nach Kreuzlingen bringt. Muss er aber nicht, in seiner Familie hat man gelernt, füreinander da zu sein. Ausserdem mögen alle die fesche Irene aus Wien, die so tüchtig ist, zwei Buben ( 16 und 14 Jahre) gross zieht und dazu eine Werbeagentur führt.

Sie hat viel am Hals. Er auch. Der 49jährige Christian Lohr ist CVP-Kantonsrat, Gemeinderat, er ist Präsident der Behindertensportgruppe und von Pro Infirmis Thurgau-Schaffhausen, Journalist und Autor. Sie lebt in Wien, er in Kreuzlingen, dazwischen liegen 700 Kilometer. Jetzt kommt noch das Nationalratsmandat dazu. Aber das haben sie ausführlich miteinander diskutiert. «Wir schaffen das», sagt Christian Lohr. Und Irene Peikoff meint: «Ich glaube nicht, dass es gut ist, jemanden von etwas abzuhalten, was er gerne tun möchte.»

Ständig unterwegs

200 Kilometer von Kreuzlingen nach Bern sind nicht viel, verglichen mit dem, was das Paar Lohr-Peikoff seit fünf Jahren an Distanzen zurücklegt, um beieinander zu sein. Dabei ist Christian Lohr von Geburt an Contergan-geschädigt. Er hat keine Arme und Hände, nur kurze Beine. Um sich fortbewegen zu können, braucht er einen elektrischen Rollstuhl. Was andere Menschen mit den Händen tun, macht er mit den Füssen. Und jetzt reist er durch die Welt, als wolle das Schicksal an ihm ein Exempel statuieren und allen körperlich Gesunden sagen: «Schaut her, was alles möglich ist.»

Unterwegs waren sie auch, als es anfing mit der Liebe zwischen ihnen. In einem Zug zwischen Zürich und Arth-Goldau sassen sie sich gegenüber, ein paar Wochen vor Weihnachten. Sie kamen ins Gespräch, fanden sich interessant und sympathisch.

Liebe auf den ersten Blick sei es nicht gewesen, sagt Christian Lohr und auch nicht das Gespräch aller Gespräche. Aber als sie erzählte, dass sie jetzt zwei Wochen Ski fahren gehe, da hat er doch irgendwo in der Hirnhälfte, die für Gefühle zuständig ist, einen Haken gemacht. Der sollte bedeuten, die kannst Du vergessen. Was sollte eine Frau, die zwei Wochen auf Ski die Berge hinunterrast, mit einem körperbehinderten Mann anfangen?

Erstes Date in Salzburg

Immerhin tauschten sie die Telefonnummern aus. Und als sie das erste Mal miteinander telefonierten, hatte jeder schon die Homepage des anderen studiert. Am 3. Januar sass Christian Lohr wieder im Zug, er fuhr nach Salzburg, um Irene Peikoff zu treffen. Beide spürten: Es ist mehr als Freundschaft. Beide blieben vorsichtig.

«Man ist ja nicht mehr 20», sagt Irene Peikoff. Und wenn das Herz schon Narben hat, wagt man sich nicht mehr so schnell aus der Deckung. Doch das Zusammensein fühlte sich gut an, besser als erwartet. Es brachte sie beide ein bisschen aus dem Gleichgewicht. «Auf dem Rückweg habe ich dann versucht, die Sache einzuordnen», erzählt Christian Lohr. Aber Liebe ist unberechenbar.

Zwei Wochen später reiste sie zu ihm nach Kreuzlingen und er zeigte ihr den Säntis. Auf einmal war alles so einfach. «Easy», sagt Christian Lohr. Er sitzt am Tisch in seinem Esszimmer, seine Zehen spielen mit dem Kugelschreiber. Nachdenklich schaut er Irene Peikoff an. In seinen Augen liegt sehr viel Zärtlichkeit.

Er beeindruckt sie

Seine Behinderung hat für sie nie die entscheidende Rolle gespielt. Im Gegenteil, es beeindruckt Irene Peikoff, dass Christian Lohr so selbstverständlich mit seinem Handicap umgeht, sich so wenig in seinem Alltag behindern lässt. Sie reagiert allergisch, wenn ihre Mitarbeiter sagen: «Das geht nicht». Dann entgegnet sie: «Das will ich erst mal sehen.»

Denn es geht viel, mehr als die meisten Menschen denken. Seit sie zusammen sind, waren Irene Peikoff und Christian Lohr schon in Shanghai, in New York und immer wieder in Italien. «Die Irene würde am liebsten mit mir auf den Himalaya», sagt Christian Lohr und lacht schallend.

Sie machen sich fast einen Sport daraus, die gemeinsame Mobilität auszutesten. Viermal haben sie schon am slowUp teilgenommen. Irene Peikoff auf dem Elektrovelo, Christian Lohrs Rollstuhl vorne angeschnallt. Dabei ist der Rollstuhlfahrer ganz vom Velofahrer abhängig. Man muss einander vertrauen. «Mein Vertrauen in Irene ist grenzenlos», sagt Christian Lohr.

Bis in den Morgen getanzt

Sie gehen zusammen schwimmen und wenn sie am Bodensee-Ufer joggt, fährt er mit dem Rollstuhl neben ihr her. Am Kaffeesieder-Ball in Wien haben sie bis in den frühen Morgen hinein getanzt. «Irene hat mir neue Dimensionen geöffnet», sagt Christian Lohr.

Obwohl beide eher zurückhaltend sind, spüren auch die Menschen um sie herum ihr Glück. Markus Lohr gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er von der Beziehung seines Bruders erzählt. «Das ist wunderschön, da haben sich zwei gefunden, die zusammenpassen.»

Dabei sei die Familie anfangs etwas skeptisch gewesen, ob das gut geht bei der grossen Distanz und beide so beschäftigt.

Sie telefonieren jeden Tag

Fünf Jahre geht es jetzt schon gut, auch wenn sich Irene Peikoff und Christian Lohr manchmal vier Wochen lang nicht sehen. Sie telefonieren jeden Tag miteinander, manchmal zweimal und dann nochmals spät, um sich gute Nacht zu wünschen – auch wenn sie schon so müde sind, dass sie fast einschlafen mit der Stimme des anderen am Ohr.

Zwischendrin lässt sich der vollgepackten Agenda dann wieder ein Tag abringen. Der wiegt dann alles auf – die Stunden und Wochen allein.