Ihr Broterwerb hängt am Faden

In den auffällig langgestreckten Riegelbauten beidseits der Hauptstrasse in Herdern herrscht pausenlos Betrieb: Die Maschinen der Zwirnerei Kehlhof AG laufen Tag und Nacht, sieben Tage pro Woche.

Beat W. Hollenstein
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Überleben dank Flexibilität: Hans und Vreny Kunz halten die Zwirnerei Kehlhof AG trotz schwierigem Marktumfeld auf Kurs. (Bild: Donato Caspari)

Überleben dank Flexibilität: Hans und Vreny Kunz halten die Zwirnerei Kehlhof AG trotz schwierigem Marktumfeld auf Kurs. (Bild: Donato Caspari)

Herdern. Ein Heidenlärm ist hier drinnen! Wir befinden uns in einem der beiden Maschinensäle der Zwirnerei Kehlhoch AG in Herdern. Während man draussen bloss gedämpfte Geräusche wahrnimmt, wie von einem fernen Heutrockner, versteht man inmitten der Maschinen sein eigenes Wort nicht mehr. Auch beim Kehlhof-Besitzer Hans Kunz hat der Lärm Spuren hinterlassen: Tinitus – wenn's ganz still ist, hört er im Ohr ein Pfeifen. «Berufskrankheit», sagt der 60-Jährige achselzuckend.

Vielhundertfach läuft immer der gleiche Vorgang ab: Zwei oder mehr Garne werden vereinigt und zusammengedreht – gezwirnt. Je nach Bedarf der Kundschaft – Webereien, Stickerereien, Wirkereien und Strickereien – werden natürliche oder Kunstfasern verarbeitet, oft auch Mischfasern. So entstehen dann Zwirnfäden, die hauptsächlich zwecks Verbesserung der Reissfestigkeit und Gleichmässigkeit hergestellt werden, und Effektzwirne, die einen Stoff verschönern oder eine Musterung beleben sollen.

Die 23 Maschinen sorgen für Glutofenhitze und verbrauchen viel Energie. «Pro Jahr beziehen wir beim örtlichen Elektrizitätswerk Strom für ungefähr 50 000 bis 100 000 Franken», erklärt Hans Kunz.

10 000 Spulen pro Monat

Pro Monat verlassen zwischen fünf und zehn Tonnen Zwirne den Herdemer Betrieb, was 10 000 Spulen entspricht. Das scheint viel, ist aber wenig im Vergleich zu 1988, als Kunz die Zwirnerei von seinem Vater Hans senior übernommen hat. Damals lieferte er gut und gerne die doppelte Menge aus.

Die goldenen Zeiten der schweizerischen Textilindustrie liegen lange zurück. Im 19. Jahrhundert explodierte der Wirtschaftszweig in der Schweiz regelrecht, und bis zu einem Viertel aller Arbeitnehmer fand in der Textilindustrie ein Auskommen. Und noch vor 30 Jahren beschäftigte die Branche eine Viertelmillion Mitarbeiter, heute sind's gerade mal noch 8800 in der Textilindustrie und 5000 in der Bekleidungsindustrie – schweizweit. Massenware wird längst in der Türkei, in Pakistan oder China produziert; die Schweizer Textilbetriebe, die überlebt haben, konzentrieren sich auf qualitativ hochwertige Nischenprodukte, die hauptsächlich aus Neuentwicklungen entstehen, zum Beispiel: Sportswear, Stoffe für Bus, Bahn, Schiff und Flugzeugsitzüberzüge sowie technische Artikel.

Ausgleich bei den «Gino Boys»

Natürlich waren unter den Betrieben, die dicht machten, auch Kehlhof-Kunden. Entsprechend hinterliess die Implosion der hiesigen Textilbranche im Herdemer Kleinbetrieb Spuren. 2009 musste Kunz die Hälfte seiner 15 Angestellten entlassen, um die Existenz seines Unternehmens zu sichern.

Er setzt auf Spezialitäten und Flexibilität. So kommt es vor, dass eine Kunde 50 oder 100 Kilo Garn verzwirnt haben will. Früher sorgten wenige Grosskunden für die Auslastung der Maschinen. In den Auftragsbüchern standen Kontrakte über Dutzende von Tonnen.

Mit dem ständigen Auf und Ab in der Branche hat das Ehepaar leben gelernt. «Irgendwie sind wir immer über die Runden gekommen», sagt Hans Kunz. Um körperlich und seelisch im Gleichgewicht zu bleiben, treiben die beiden viel Sport, und Hans Kunz spielt Sax, Klarinette und «Maulorgel» in der regional bekannten Tanzband «Gino Boys».

Zum Überleben gehört, dass Hans und Vreny Kunz als «Springer» überall dort mit Hand anlegen, wo Not am Mann beziehungsweise der Frau ist. Kunz holt nicht nur, gekleidet «in feinen Zwirn», Aufträge rein, sondern er putzt die Maschinen, richtet sie ein, repariert. «In all den Jahren habe ich nie einen Mechaniker gebraucht.» Selbstredend ist er es auch, der um zwei Uhr in der Früh nochmals einen Kontrollgang durch die Maschinenreihen macht. Die Maschinen seien zwar inzwischen fast so sicher wie Flugzeugtriebwerke, «aber mehr als vier Stunden lasse ich sie nicht unbeaufsichtigt». Um sechs Uhr übernimmt die erste von zwei Schichten.

Auch als Gemeindesaal genutzt

In der Boomzeit der Textilindustrie, um 1850, sind die beiden Gebäude an der Hauptstrasse errichtet worden, zuerst war darin eine Stickerei untergebracht, später eine Zwirnerei. Zwischendurch nutzte Herdern das eine Gebäude als Gemeindesaal. 1959 kaufte Hans Kunz‘ Vater, aus dem Baselbiet stammend, die Fabrik. «Maschinen und Gebäude waren in einem himmeltraurigen Zustand», sagt Hans Kunz junior. «Es hat zum Dach reingeregnet.»

Der neue Besitzer modernisierte den Maschinenpark, machte das Dach dicht, überliess aber die endgültige Sanierung der Gebäude seinem Sohn. Schon als Primarschüler «mechte» der Junior an der Seite seines Vaters an den Maschinen herum. Später lernte er Maschinenmechaniker bei Rieter in Winterthur und absolvierte die Textilfachschule in Wattwil.

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