«Ich will Gerechtigkeit»

Fredi Keller ist der Vater von Delphine, die 2012 beim Aufräumen nach dem Frauenfelder Open Air ums Leben kam. Er hat sich ein Wettergutachten für den Unglückstag erstellen lassen. Für ihn ist klar: «Das Unwetter war vorhersehbar.»

Ida Sandl
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Fredi Keller vor dem Gedenkstein für Delphine in seinem Garten in Schweizersholz. (Bild: Andrea Stalder)

Fredi Keller vor dem Gedenkstein für Delphine in seinem Garten in Schweizersholz. (Bild: Andrea Stalder)

SCHWEIZERSHOLZ. Er gibt nicht auf. «Falls nötig, gehe ich bis vor Bundesgericht.» Fredi Kellers Blick ist fest. Der pensionierte Landwirt (64) steht im Garten neben dem Granitstein, auf dem ein «D» eingraviert ist. D wie Delphine, seine mittlere Tochter, die bei den Aufräumarbeiten nach dem Open Air Frauenfeld ums Leben kam. Im Stein eingeschlossen ist die Urne mit Delphines Asche. Um den Gedenkstein hat Fredi Keller Rosen gepflanzt. Überquellende rosarote Blütenpracht. Die Rosen tragen ihren Namen. Nach dem Unglück haben die Verantwortlichen der Bischofszeller Rosenwoche Delphine eine Rose gewidmet.

Das Obergericht ist am Zug

In gut drei Wochen, wird das Thurgauer Obergericht den Fall erneut beurteilen. Die Eltern von Delphine und die Staatsanwaltschaft haben den Freispruch des Bezirksgerichts Frauenfeld angefochten. Ihr Antrag: Der Bauchef soll wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden.

Eine der entscheidenden Fragen wird sein, ob der Bauchef den gewaltigen Sturm habe voraussehen können. Denn dann hätte er die Helfer sofort abziehen müssen. Das Bezirksgericht kam zum Schluss, das Unwetter sei nicht vorhersehbar gewesen. «Diese Aussage macht mich fertig», sagt Keller. Er will Gerechtigkeit. Bei der Appenzeller Meteo Group hat er ein Wettergutachten für den Unglückstag angefordert. Darin heisst es wörtlich: «Meteo Group gab ebenfalls für den Bezirk Frauenfeld um 10.05 Uhr eine Vorwarnung für Gewitter der Warnstufe rot (100–130 km/h Windböen möglich), um 15.10 Uhr eine akute Gewitterwarnung der Stufe orange und um 15.25 Uhr eine akute Gewitterwarnung der Stufe rot heraus.»

Vor Sturmböen gewarnt

Meteo Schweiz habe für den Bezirk Frauenfeld um 15.15 Uhr eine Warnung der Bundeswarnstufe 3 herausgegeben, heisst es im Gutachten der Meteo Group weiter. Das bedeutet: «Heftige vorbeiziehende Gewitter, begleitet von Sturmböen, Hagel oder Starkregen». Für Fredi Keller ist klar: «Spätestens um 15.15 Uhr hätte der Bauchef die Helfer abziehen müssen.» Gegen 16 Uhr wurde Delphine von herumfliegenden Stangen getroffen und tödlich verletzt. Sie war 23 Jahre alt, als sie starb. Noch ein Jahr hätte sie studieren müssen, dann wäre sie Sekundarlehrerin gewesen. Ein Schuldspruch mache Delphine nicht lebendig, haben ihm Freunde und Bekannte gesagt. Er solle das Unglück akzeptieren.

«Da fing es an zu rumoren»

«Ich habe es akzeptiert», antwortet Fredi Keller. Doch dann, drei Monate nach ihrem Tod, kam ein eingeschriebener Brief der Staatsanwältin. Sie schrieb, die Familie könne Einsicht in die Akten nehmen. Keller schaute sich die Schriftstücke an. «Da fing es an zu rumoren», sagt er. Ihm sei klar geworden: «Es gab überhaupt kein Sicherheitskonzept.» Er ist überzeugt, dass die Helfer nicht richtig angeleitet worden seien. «Die hätten zwischen den Abbrucharbeiten gar nicht ohne Helm herumlaufen dürfen.» Keller vermutet, es seien auch keine Lautsprecher auf dem Gelände gewesen, mittels derer man die Helfer hätte warnen können.

Er kenne sich aus mit Sicherheit. 15 Jahre lang habe er für die Bürgergemeinde Bischofszell geholzt, sogar Holzfällerkurse gegeben. Einen Baum zu fällen sei gefährlich. Bei ihm habe es nie einen Unfall gegeben. Aber: «Keiner geht zum Holzen, ohne sich den Wetterbericht anzuschauen.»

Die Polizei steht vor der Tür

Die Rosen, die Delphine heissen, leuchten in der Sonne. Ein idyllischer Garten am Dorfrand von Schweizersholz. Der Vater wirkt gefasst, wenn er von seiner Tochter erzählt. Sie habe Trompete gespielt und den Garten so geliebt. «Sie war ein ganz spezieller Mensch», sagt Fredi Keller und fast unmerklich zucken die Muskeln in seinem Gesicht. Kurz vor ihrem Tod habe sie die Gummistiefel geholt. «Sie hat erzählt, dass sie nach Frauenfeld zum Fetzeln geht.»

Zwei Tage später standen zwei Polizisten vor der Haustüre der Kellers. Sie sagten nur, dass Delphine verletzt sei. «Aber wir wussten sofort, wenn die Polizei kommt, dann muss es etwas Schlimmes sein.»

Delphine Keller 1988 bis 2012 (Bild: pd)

Delphine Keller 1988 bis 2012 (Bild: pd)