«Ich war zu stolz»

Der Vater der zwei getöteten Kinder von Flaach muss für 42 Monate ins Gefängnis. Der 30jährige Schweizer hatte im Vorfeld der Familientragödie mit Betrügereien rund eine Viertelmillion Franken ergaunert.

Mario Testa
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Er hat diverse Artikel im Internet verkauft, das Geld einkassiert, aber die Ware nie geliefert. Dazu hat er an verschiedenen Wohnorten, meist im Bezirk Weinfelden, die Miete geprellt und Autos mittels gefälschter Dokumente gekauft und weiterverkauft. Alles nur, um sich und seiner Familie ein Leben in Luxus zu ermöglichen, das ohne diese illegalen Machenschaften nicht möglich gewesen wäre. Gegen 100 Fälle von Betrug, Zechprellerei oder Urkundenfälschung kamen beim 30jährigen Schweizer in den Jahren 2013 und 2014 innert nur rund 17 Monaten zusammen.

«Sie haben eine enorme kriminelle Energie an den Tag gelegt», sagt die vorsitzende Richterin Claudia Spring bei der Urteilsbegründung im Weinfelder Rathaus gestern zum Angeklagten. Das fünfköpfige Richtergremium am Bezirksgericht Weinfelden verurteilt den Angeklagten wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Zechprellerei, mehrfacher Urkundenfälschung und weiterer Delikte zu 42 Monaten Haft und einer Busse von 1200 Franken. Dazu muss er die Hälfte der fast 60 000 Franken Verfahrenskosten übernehmen. Weil der geständige Mann auch allen Betrogenen ihr Geld zurückzahlen will, kommen weitere Zahlungen hinzu – insgesamt mehr als 100 000 Franken.

Teure Wohnungen trotz geringem Lohn

Der Angeklagte zeigte bei der gestrigen Verhandlung Reue und legte ein umfassendes Geständnis ab – wie er es schon im Verlauf des Verfahrens gemacht hatte. Alle Punkte, die ihm die Staatsanwaltschaft Bischofszell in der Anklageschrift im abgekürzten Verfahren vorwirft, akzeptiert er.

Er erklärt vor den Richtern und einer grossen Schar Journalisten im Gerichtssaal die Hintergründe seiner Taten: «Ich hatte anfangs einen gut bezahlten Job beim Militär, baute eine Beziehung zu meiner späteren Frau auf – auch sie hat gearbeitet. So kamen wir auf etwa 10 000 Franken im Monat.» Solange beide arbeitstätig gewesen seien, sei alles gut gegangen. «Dann kam die Schwangerschaft meiner Frau, sie hörte auf zu arbeiten, und ich verlor später wegen Umstrukturierungen meinen Posten im Militär», sagt er. Aufgrund einer Handverletzung habe er im Sicherheitsbereich auch keine neue Stelle bekommen und musste zurück in seinen gelernten Beruf als Detailhandelskaufmann zu einem Grossisten. «Meine Frau war irgendwann ausgesteuert, wir hatten einen eineinhalb Jahre alten Bub – meine knapp 3500 Franken Lohn reichten nirgends hin.»

Trotzdem seien die Ansprüche seiner Frau gestiegen, sie habe nach einer teuren Wohnung verlangt, ihn unter Druck gesetzt und ihm mit dem Entzug der Kinder gedroht. Der Schuldenberg wuchs, nur mit gefälschtem Betreibungsregisterauszug konnte er überhaupt noch in teure Wohnungen zügeln, wobei er keine Miete mehr bezahlte und häufig die Wohnung wechselte.

«Auch ich wurde mit der Zeit verzaubert von diesem Drang. Er hat auch mich dazu verleitet, nach einem gehobenen Standard zu streben», sagt der Mann. Er kaufte in dieser Zeit auch mehrmals Autos, wobei er die Garagisten jeweils mit gefälschten Zahlungsaufträgen, Einzahlungsscheinen und Zahlungsbestätigungen täuschte. Die Autos verkaufte er weiter. Dazu kamen 70 Fälle von Internetbetrügereien.

Angefangen hätten diese, als er einen persönlichen Gegenstand online verkaufen wollte. Auf das Inserat hätten sich viele Interessenten gemeldet. «Aus meiner Verzweiflung heraus habe ich zehn Interessenten gleichzeitig meine Kontodaten angegeben. Da kam plötzlich sehr viel Geld rein.» Er habe dann so weitergemacht, immer in jenen Momenten, in denen er nicht mehr wusste, wie es weitergehen solle. «So kamen die vielen Betrugsfälle zusammen, es ist so ein Strudel entstanden, aus dem ich keinen Ausweg mehr sah. Die Barriere – Darf ich das? Darf ich nicht? – ist praktisch verschwunden.»

Verhaftung als Befreiung aus realitätsfremdem Leben

Am 4. November 2014 kam es zur Verhaftung. «Für mich war das wie eine Befreiung aus diesem realitätsfremden Leben», sagt er vor Gericht. «Es wäre wohl immer schlimmer geworden.»

Hilfe habe er nie gesucht, antwortet er auf die Frage der Richterin. «Der Gang aufs Sozialamt wäre für mich abartig gewesen. Ich war zu stolz.» Seit 22 Monaten sitzt der nun Verurteilte bereits im Gefängnis, er hat nach der Untersuchungshaft den vorzeitigen Strafvollzug angetreten.

In der Zeit hinter Gittern musste er auch eine Familientragödie miterleben. Seine ebenfalls in Untersuchungshaft genommene Frau hatte nach ihrer Entlassung am 1. Januar 2015 die beiden gemeinsamen Kinder getötet und später im Gefängnis Suizid begangen. Sie litt unter einer Persönlichkeitsstörung, einem instabilen Realitätsbezug. Als «Fall Flaach» machte die Familientragödie Schlagzeilen. Auch zu dieser «monströsen Tat» äusserte sich der Mann in seinem Schlusswort vor Gericht. «Die Kesb und andere trifft keinerlei Schuld am Tod meiner Kinder. Ich und meine Frau sind schuldig.» Er bereue seine Taten zutiefst. Bei den vielen Geschädigten entschuldigte er sich und gelobte Besserung.