«Ich unternehme Zeitreisen mit den Objekten»

Mini Büez

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Ich bin im falschen Jahrhundert geboren. Das habe ich nach meiner Ausbildung als Steinbildhauer gemerkt. In der Architektur findet unser Handwerk kaum mehr statt. Reliefs und Ornamente waren nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr gefragt, Fassaden wurden zusehends gesichtslos. Sehen Sie sich in den Städten und Dörfern um. Die Arbeit als Bildhauer beschränkt sich auf Grabsteine, und – wenn es hoch kommt – auf ein Brünneli. Deshalb habe ich inmitten meines Berufslebens die Ausbildung zum Diplomrestaurator gemacht. Fünf Jahre lang. Eine harte Zeit. Aber es hat sich gelohnt.

Ich erhalte Bestehendes. So kann man meine Tätigkeit wohl am besten beschreiben. Oder anders gesagt: Ich bremse die Vergänglichkeit. Vor allem an historischen Bauten, aber auch an Kunstgegenständen arbeite ich. In der Regel handelt es sich um Unikate. Aktuell restauriere ich ein Eckhaus in Zürich. Die Fassade des Hauses aus dem Jahr 1893 muss «notgesichert» werden. Wegen der Witterung und dem Eindringen der Wespen fielen Stücke des Berner Sandsteins ab. Das stellte eine Gefahr für die Passanten dar. Dieses Projekt bearbeite ich alleine, ansonsten arbeiten wir auch im Team. Ich beschäftige in meiner Firma in Weinfelden drei Personen. Aktuell zusätzlich eine Praktikantin der Fachhochschule. Das ist praktisch während des Sommers. Dann haben wir Hochsaison. Im Winter, bei minus zehn Grad, können wir draussen nicht viel ausrichten.

Natürlich sind auch in meiner Branche Referenzen wichtig. Dazu zähle ich beispielsweise die Restaurierung der Betonsäulen von Hans Arp in Basel. Auch einen Stuhl aus Marmor von Ai Weiwei, dem chinesischen Künstler, der unter Hausarrest stand, habe ich schon restauriert. Wobei es bei diesem Stuhl vom Form-Material-Mix her nicht verwundert, dass er restauriert werden musste. Unüblich ist das bei Kunst nicht. Auch der Brunnen von Ugo Rondinone in Zürich musste nur einige Jahre nach der Einweihung restauriert werden. Die weissen und schwarzen Kieselsteine, die kreisförmig angelegt wurden, waren zu wenig gut eingebettet. Sie fielen ab. Woran es lag? Die mechanische Umklammerung war zu schwach.

In meinem Beruf sind Kenntnisse verschiedener Disziplinen wichtig: Chemie, Physik, Materialien, Kunstgeschichte. Gehe ich an ein Objekt heran, analysiere ich zuerst das Problem mit allen Facetten. Wenn ich beispielsweise etwas Mittelalterliches vor mir habe, muss ich herausfinden, welche Farbmittel sie damals verwendet haben, welches Bindemittel. Die Materialien altern verschieden.

Was mich fasziniert? Ganz vieles. Vor allem die Zeitreisen, die ich mit den Objekten machen kann. Ich habe auch schon eine Marmorstatue restauriert, die auf das Jahr 50 vor Christus datiert. Die antike Statue «Der Grieche ohne Bart» stand zuvor unerkannt auf einem Friedhof. Heute steht sie im Museum. Mein Beruf ist sehr vielfältig. Ebenso die Arbeits- orte, da ergeben sich Reisen im eigentlichen Sinn. Mal sind es Kirchen und Klöster, mal ist es das Zollfreilager am Flughafen Zürich. Dort restaurieren wir ab und zu Kunstobjekte, die beim Transport beschädigt wurden. Klar, die Kreativität muss zurückstehen. Aber das stört mich nicht. Ich orientiere mich am Original, es soll wieder im alten Glanz erstrahlen – und eben nicht im neuen Glanz. Heute fühle ich mich wohl im 21. Jahrhundert.

Notiert: Sebastian Keller