Ich sehe dich, und du siehst mich

In einem Schloss bei Steckborn, direkt am See, lebt die Gemeinschaft Glarisegg. Die Erwachsenen arbeiten als Lehrer, Therapeuten und Softwareentwickler, die Kinder gehen zur Schule und machen Hausaufgaben. Alles ganz normal – und doch anders.

Katharina Brenner
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Die Mitglieder der Gemeinschaft Glarisegg beginnen ihren Tag mit einem Morgenkreis. Dazu gehören Momente der Stille und Einkehr, aber auch Tanz und Gesang. (Bild: Andrea Stalder)

Die Mitglieder der Gemeinschaft Glarisegg beginnen ihren Tag mit einem Morgenkreis. Dazu gehören Momente der Stille und Einkehr, aber auch Tanz und Gesang. (Bild: Andrea Stalder)

GLARISEGG. Mutter Erde trägt ihre Glarisegger Kinder an diesem Samstagmorgen auf feuchtem Gras. In dem stehen elf Erwachsene im Kreis und singen: «Mother, carry me». Die Körper wippen im Takt der Melodie, eine Frau spielt Gitarre. Die meisten kennen den Text auswendig, die Zeilen sind eingängig, wiederholen sich – «My roots are strong, my heart is open, in a spirit of devotion». Starke Wurzeln und ein offenes Herz voller Hingabe.

Der Morgenkreis der Gemeinschaft Schloss Glarisegg, Ort für Begegnung und Bewusstsein, findet im Schlossgarten statt. Hinter der von Wein und Efeu umrankten Steinmauer führt ein Weg direkt an den See. Auf der angrenzenden Wiese grasen Kühe in der Herbstsonne. Jede ihrer Bewegungen wird von dem Läuten der Glocken begleitet, die sie um den Hals tragen. Mit diesem Fleckchen hat es Mutter Erde besonders gut gemeint. Ein letztes «Mother, carry me», dann verklingt die Musik.

Eine Frau in einem weiten roten Kleid versetzt der Klangschale in der Mitte des Kreises einen dumpfen Schlag. Ein tiefer Ton breitet sich aus. Im Kreis greifen Hände nach anderen Händen, alle Augen schliessen sich.

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Dann liest ein Mann eine Seite aus Paulo Coelhos «Das Handbuch des Kriegers des Lichts» vor. Sich nicht zum Sklaven machen lassen, lautet die Botschaft. Mutter Erde, die Klangschale, Coelho – es ist ein bisschen von allem. Und wofür genau steht die Gemeinschaft Schloss Glarisegg?

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«Für mich geht es um den Austausch mit anderen. Ich habe hier viele Möglichkeiten, dass andere mich spiegeln», sagt Sonja-Vera Schmitt, die Frau mit der Gitarre. Inzwischen sitzt sie an einem der Tische im Garten. Die 45-Jährige ist Logopädin und eine der Gründerinnen der Gemeinschaft. Vor zwölf Jahren entwickelte sie zusammen mit Gleichgesinnten die Idee eines Orts für Begegnung und Bewusstsein am Bodensee. Die Gruppe nahm einen Kredit auf, gründete eine Aktiengesellschaft und kaufte das Schloss.

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Heute leben hier rund 40 Erwachsene und 20 Kinder. Das älteste Mitglied ist 62, das jüngste ein Jahr alt, es sind gleich viele Frauen wie Männer. Sie zahlen Miete, genauso wie der Seminarbetrieb und die Gewerbe, die Räume des Schlosses nutzen. Viele der Mitglieder arbeiten ausserhalb als Lehrer, Therapeuten oder Softwareentwickler. Die Kinder besuchen Schulen in den umliegenden Gemeinden.

«Die Hierarchien in Glarisegg sind flach», sagt Schmitt. «Hier gibt es keinen Guru.» Daran würden viele denken, wenn sie das Wort Gemeinschaft hörten.

Eine Frau setzt sich zu Schmitt an den Tisch. «Eigentlich sind die Chefs in den Unternehmen eine Art von Guru», sagt sie. Viele Strukturen, die wir in der Arbeitswelt als natürlich empfänden, würden wir gar nicht hinterfragen. Christine Dürschner lebt seit knapp fünf Jahren in der Gemeinschaft. Sie hat lange in der Logistik gearbeitet. Heute ist die 38-Jährige Entscheidungscoach im Therapeutikum, das zur Gemeinschaft gehört. Für sie ist entscheidend, dass das Zusammenleben in der Gruppe gut funktioniert. Und wie Schmitt, spricht sie von der Möglichkeit des Spiegelns. Ich sehe dich, und du siehst mich – die Mitglieder der Gemeinschaft beobachten das Handeln und Sprechen der anderen. Sie sprechen darüber, wie sie sprechen, und darüber, wie sie tun, was sie tun.

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Und noch etwas zeichnet in den Augen der beiden Frauen die Gemeinschaft aus: Nachhaltigkeit. «Wir sind Teil einer riesigen Bewegung», sagt Schmitt nicht ohne Stolz und spielt damit auf das Global Ecovillage Network an, ein weltweites Netzwerk von Menschen und Gemeinschaften, das Nachhaltigkeit und Solidarität fördern möchte. Im kommenden Februar findet in Glarisegg ein vierwöchiger Workshop zu diesem Thema statt.

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Eine eigene Landwirtschaft betreibt die Gemeinschaft aber nicht. Die Mitglieder und der Seminarbetrieb beziehen ihre Lebensmittel vom angrenzenden Demeterhof. Sonja-Vera Schmitts Frühstück steht vor ihr auf dem Tisch: Liebevoll hat sie Äpfel- und Orangenschnitze neben Brotstücken mit veganem Aufstrich drapiert. Heute ist Seminar, die Mitglieder dürfen sich an dem reichhaltigen Buffet bedienen. An den anderen Tagen kocht jeder selbst. Auch das Wohnen ist individuell: Es gibt Wohngemeinschaften und Apartments. In einem dreistöckigen Haus, das an den Garten angrenzt, lebt auf jedem Stock eine Familie.

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Einmal in der Woche treffen sich die Mitglieder in kleineren und in der grossen Gruppe. «Wir geben einander Raum, um zu hören, wie es jedem einzelnen geht», sagt Schmitt. Viel mehr feste Termine gibt es nicht. Die Mitglieder haben grosse Freiräume. Wenn es in einer Gemeinschaft zu wenig Individualität gebe, zerbreche sie.

Dieses Leben ist nicht perfekt, das wissen die Mitglieder. Alltagsprobleme, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sind hier genauso ein Thema. «Hier läuft auch mal was schief», sagt Schmitt. «Wo Menschen aufeinandertreffen, kommt es zu Reibungen.» Genau daran möchte die Gemeinschaft arbeiten. «Ich denke, damit können wir ein Vorbild sein für die ganze Gesellschaft.»

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Wer sich für das Leben in Glarisegg interessiert, kann über ein Kennenlern-Wochenende und die Gemeinschafts-Intensivwoche ein Gespür dafür bekommen. Nach einem Jahr Annäherung ist es möglich, aufgenommen zu werden. «Man kriegt in dieser Zeit mit, ob jemand das lebt oder nicht», sagt Schmitt. Ob er voller Hingabe und mit einem offenen Herzen dabei ist – so wie die Mitglieder im Morgenkreis. Inzwischen ist es Mittag und das Gras trocken. Die Herbstsonne scheint warm auf Mutter Erde.

Sonja-Vera Schmitt (rechts im Bild) spielt im Morgenkreis Gitarre. (Bild: Andrea Stalder)

Sonja-Vera Schmitt (rechts im Bild) spielt im Morgenkreis Gitarre. (Bild: Andrea Stalder)

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