«Ich muss es mit einem Bild erklären»

Der Fotograf Meinrad Schade hat für sein Projekt «Krieg ohne Krieg» einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau erhalten. Das Geld möchte der Kreuzlinger in weitere Reisen investieren. Seit rund 20 Jahren lebt Schade in Zürich – doch den Bodensee vermisst er noch immer.

Rahel Haag
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Meinrad Schade mag leise Bilder und hat eine Vorliebe für Nebenschauplätze des Kriegs. (Bild: pd/Marcel Latzel)

Meinrad Schade mag leise Bilder und hat eine Vorliebe für Nebenschauplätze des Kriegs. (Bild: pd/Marcel Latzel)

ZÜRICH. Meinrad Schade ist Kriegsfotograf – ohne dass er in den Krieg geht. «Ich würde mich als ängstlich bezeichnen», sagt der 47-Jährige. Niemals könnte er in einem Konfliktgebiet arbeiten. Er ist ein Freund von leisen Bildern. In seinem Langzeitprojekt «Krieg ohne Krieg» widmet er sich den Vorzeichen, Nebenschauplätzen und Hinterlassenschaften der Kriege. Seit zehn Jahren bereits.

Im Frühling wurde ein Teil seiner Bilder in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur ausgestellt. Gleichzeitig erschien im Scheidegger-&-Spiess-Verlag der Text-Bildband «Krieg ohne Krieg. Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion». Zudem erhält Schade in diesem Jahr einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau in Höhe von 25 000 Franken. «Dieses Geld ermöglicht mir weitere Reisen», sagt er. Bisher habe er rund einen Monat pro Jahr an seinem Projekt arbeiten können. Dafür bereiste er die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Aktuell widmet er sich Israel und Palästina. Direkt nach Beendigung seiner Ausstellung im Mai sei er ins Westjordanland gereist. Die nächste Reise ist nun im Winter geplant. «Ich hoffe, dass es dann häufiger bewölkt ist. Dadurch würde für meine Bilder eine ganz andere Stimmung entstehen.»

Unordnung im Souterrain

In seinem Atelier in Zürich, einem langgezogenen Raum im Souterrain mit kleinen Fenstern, entschuldigt sich Schade für die Unordnung. Im hinteren Teil ohne Fenster steht ein Schreibtisch. Sein Arbeitsplatz mit Computer und Scanner. Daneben, an der linken Wand, ein bis oben hin gefülltes Bücherregal. Gefolgt von einem langen Tisch, auf dem sich Verschiedenstes stapelt.

Lange hält es ihn nicht auf dem Stuhl im vorderen Bereich des Raums. Seine Arbeit in Worte zu fassen, scheint ihm schwer zu fallen. Er spricht langsam, sucht die richtigen Worte, bricht ab, überlegt und steht dann auf. «Ich muss es mit einem Bild erklären», sagt er und kommt mit seinem Laptop zurück.

Jedes Bild hat seine eigene Geschichte. Sie entstehen durch Zufall oder sind geplant, oder es gibt einen Plan für ein bestimmtes Bild, und dann kommt es doch anders. Dennoch ist die Vorbereitung wichtig. In der Schweiz sammelt Meinrad Schade Artikel über Israel und Palästina. Liest er zum Beispiel von einem Ort, der ihm interessant erscheint, besucht er diesen bei seiner nächsten Reise. Ansonsten heisst es Augen und Ohren offenhalten.

In Dschenin, einer Stadt im Westjordanland, habe er in den Strassen Werbung für eine Paintball-Anlage entdeckt. «Krieg spielen ist für mich ein wichtiges Thema», sagt Schade. Deshalb habe er die Anlage spontan mit seinem Fahrer und Übersetzer besucht. «Den jungen Männern dort habe ich nur gesagt, dass ich ein Gruppenbild machen möchte. Inszeniert haben sie sich selber.» Es entstand ein Foto, das sie in Militär-Montur um ein Auto gruppiert zeigt. Einer liegt unbewaffnet auf der Motorhaube, während ein anderer hinter ihm steht und auf seinen Kopf zielt. «Auch im Spiel liegt etwas Ernstes.»

Fotolabor im Keller

Vor rund 20 Jahren schloss Meinrad Schade sein Biologiestudium ab. So sei er zum Fotografieren gekommen. Ein Mitbewohner in seiner ersten Wohngemeinschaft hatte im Keller ein eigenes Labor eingerichtet. Auch heute fotografiert er noch analog. «Dadurch ist man langsamer und die Bilder werden ruhiger.»

Was ihm in Zürich auch nach so langer Zeit noch fehlt, ist der Bodensee. «Der Zürichsee ist im Vergleich doch nur ein breiter Fluss», sagt er.