«Ich lerne am liebsten im Bett»

Interview Das Wiener Max-Reinhardt-Seminar nimmt von 1000 Bewerbern jährlich gerade mal 14 für das Schauspielstudium auf. Eine der wenigen, die es geschafft haben, ist Maria-Lisa Huber (20) aus Altnau. Die Thurgauerin steht ab Juli als Nutte in Brechts «Die Dreigroschenoper» in Kreuzlingen auf der Bühne. Urs Oskar Keller

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Maria-Lisa Huber wird ihrer Thurgauer Heimat bald den Rücken kehren und nach Wien ziehen. (Bild: Urs Oskar Keller)

Maria-Lisa Huber wird ihrer Thurgauer Heimat bald den Rücken kehren und nach Wien ziehen. (Bild: Urs Oskar Keller)

Maria-Lisa Huber, 986 von 1000 Max-Reinhardt-Bewerbern haben es nicht geschafft. Warum gehören Sie zu den Glücklichen?

Maria-Lisa Huber: Da müssen Sie schon die Experten am Max-Reinhardt-Seminar fragen. Niemand hat meinen Namen gekannt, ich war nur eine Nummer.

Aber eine hübsche Nummer…

Huber: Das Aussehen ist kein Kriterium für die Schauspielkunst.

Warum möchten Sie denn Schauspielerin werden?

Huber: Ich möchte anderen Menschen und mir eine Freude bereiten. Ausserdem fasziniert mich die Vorstellung, Erfahrungen im Leben zu machen und diese auf der Bühne für andere Menschen umzusetzen.

Haben Sie bereits als Kind gerne geschauspielert?

Huber: Ja, schon damals liebte ich es, mich zu verkleiden und Shows einzustudieren. Meine Brüder und ab und zu auch unsere Gäste mussten darunter leiden.

Wie sieht es mit Lampenfieber aus?

Huber: Lampenfieber halte ich für einen negativen Ausdruck. Ich assoziiere damit Angst. Für mich ist das Gefühl der Aufregung vor einer Aufführung etwas vom Schönsten. Ich geniesse es! Das Gefühl ist vergleichbar mit dem vor einer Prüfung. Nur weiss ich vor einem Auftritt, dass ich gut vorbereitet bin, und freue mich auf die Reaktionen des Publikums.

Welche Person möchten Sie einmal auf der Bühne verkörpern?

Huber: Jede! Es würde mir auch Spass machen, einen Mann zu spielen. Jede Erfahrung macht mich reicher.

Momentan spielen Sie in einer Nebenrolle die Hure Suky Tawdry in Bertolt Brechts «Die Dreigroschenoper». Gibt es eine Performance wie bei Lady Gaga?

Huber: Wir sind sieben junge Frauen, welche in die Nebenrollen schlüpfen. Dadurch wird das Stück auch ein wenig moderner. Ausserdem versucht mein Vater, Regisseur Leopold Huber, neue Musik und Performance einzubauen. Ob es eine gibt, sehen Sie ab dem 11. Juli. Wir proben noch.

Ist es nicht schwierig, unter der Regie des Vaters und neben der Mutter – sie mimt die Seeräuber-Jenny – zu spielen?

Huber: Ich finde es schön, mit meinen Eltern zu arbeiten. Und ich fühle mich nicht mehr beobachtet als alle anderen Schauspieler.

Wie ist das Verhältnis zu Ihren Eltern?

Huber: Sehr eng. Ich kann mit ihnen über alles reden. Natürlich handeln viele Gespräche momentan von der «Dreigroschenoper». Da wir oft am Esstisch über das Stück diskutieren, kann ich auch eigene Ideen einbringen.

Haben Sie eine Traumrolle?

Huber: Mein Ziel ist es, jede Rolle zu meiner Traumrolle zu machen.

Würden Sie etwas nicht spielen?

Huber: Nein, ich bin im Moment neugierig auf alles.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Rollen vor?

Huber: Ich mache mir Gedanken, wie ich spielen möchte. Wie mache ich die Rolle interessanter? Solche Fragen stelle ich mir und nehme Ratschläge von Familie und Freunden an. Natürlich gehört es auch dazu, Texte auswendig zu lernen.

Was ist Ihr Rezept, um Texte auswendig zu lernen?

Huber: Ich lerne am liebsten im Bett. Und für das Auswendiglernen meiner Rollen stelle ich auch mal die Musik ab.

Was wollen Sie als Schauspielerin bewirken?

Huber: Ich möchte bewegen. Mein Ziel ist es, Emotionen zu spielen und die in den Reaktionen der Zuschauer zu erkennen.

Wie schalten Sie nach einer Aufführung ab?

Huber: Ich gehe schlafen.

Die Messlatte am Max-Reinhardt-Seminar ist sehr hoch angelegt. Keine Angst davor zu scheitern?

Huber: Solange ich mein Bestes gebe, habe ich keine Angst vor dem Scheitern.

Im September ziehen Sie in eine Wohngemeinschaft nach Wien. Keinen Bammel, als Landpomeranze in der Donaumetropole zu leben?

Huber: Nein. Ich freue mich sehr auf Wien, auf diese wunderschöne Stadt. Auch lebt ein kleines Stück Familie bereits dort. Mein älterer Bruder Silvan wird gleich neben mir wohnen, und ich weiss, dass ich mit jedem Problem zu ihm gehen kann.

Was wäre Ihr Traumengagement? Zum Ensemble des Wiener Burgtheaters zu gehören?

Huber: Meine Mutter hat am Burgtheater angefangen. Mein Traum wäre es, den Start im Deutschen Theater Berlin zu schaffen.