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Ich lasse Nostalgiker schwelgen

Die Postkarten-Sammlung von Ueli Ernst
Désirée Wenger
Ueli Ernst mit der Serie seiner Lieblingsansichtskarten, die mit der Technik der Lithografie angefertigt wurden. (Bild: Andrea Stalder)

Ueli Ernst mit der Serie seiner Lieblingsansichtskarten, die mit der Technik der Lithografie angefertigt wurden. (Bild: Andrea Stalder)

Ich bin platt. Nein, ganz ehrlich, ich bin echt platt. Und, wie sagt man, betagt. Nicht die Älteste hier, aber frisch ist anders. Trotzdem habe ich mich für mein ­hohes Alter gut gehalten und ich ­gefalle ihm noch immer. Ich war zwar nicht die Erste und ganz bestimmt nicht die Letzte, aber er kann nicht genug von uns bekommen. Nun ja, ich bin eben kein unbeschriebenes Blatt. Aber jede von uns erzählt eine eigene Geschichte in ihrer eigenen kleinen Welt. Darf ich mich vorstellen, ich bin eine Frauenfelder Postkarte aus dem Jahr 1912. Mein Sujet: das Frauenfelder Schloss.

Ueli Ernst sammelt uns wie Trophäen. Seit 1970. Inzwischen hat er über 1800 von uns. Zusammen sind wir etwa 25000 Franken wert. Ich und meine sechs «Schwestern» kommen aus derselben Serie, wir sind seine Lieblinge. Wir sind besonders schön. Obwohl, damals, als wir noch jung waren, wollte uns niemand so recht. Aber Ueli, der wollte uns. Und wie er uns wollte.

Ueli ist ordentlich und fürsorglich, er hat uns alle in 13 Ordnern archiviert. Wir sieben Schönheiten liegen zuoberst im Ordner der Frauenfelder Karten, die mit ­speziellen Techniken angefertigt wurden. Auf meiner Vorderseite befindet sich eine sogenannte Steinzeichnung, eine Lithografie des Frauenfelder Schlosses. Meine sechs Schwestern sind mit derselben Technik gefertigt worden, wir sind also eine Serie und als solche sehr wertvoll. Ueli sagt, wir seien mit Liebe gemacht worden, jedes Detail stimme. Wir zeigen Ausschnitte aus der Frauenfelder Altstadt, das ist Ernsts Lieblingssujet. Wir sind so umwerfend, dass von unseren Vorderseiten auch Verschluss­marken angefertigt wurden.

Ueli ist ein Sammler, vor uns hat er auch Brauereiartikel sowie Bücher Thurgauer Schriftsteller gesammelt. Er sucht uns über Ricardo und Delcampe oder schmökert bei der Frauenfelder Briefmarken- und Ansichtskartenbörse herum. Briefmarken sind ihm aber zu klein zum Sammeln, das sei «Gäägeliarbeit». Die teuerste von uns kostete ihn 200 Franken, im Schnitt gibt er für eine von uns 15 Franken aus. Obwohl er uns so gerne mag, wollte er nicht Pöstler werden. Er war Schreiner. Jetzt ist er vom Holz aufs Papier gekommen und widmet sich in seiner Freizeit der Philokartie. Zu Papier gebracht wurden auch vier Bücher von Angelus Hux. Der Lokalhistoriker bekam regelmässig Unterstützung von Ueli, weil er mit unserer Hilfe viele historische Tatsachen zusammentragen kann. Ueli interessiert sich sehr für die Frauenfelder Geschichte. Angefangen hat seine Leidenschaft für uns Ansichtskarten bereits als kleiner Bub. Er fand die Ersten von uns auf dem Dachboden seines Paten und behielt sie, weil sie ihm so gut gefielen. Die Älteste ist von 1890 datiert. Wir wurden von Frauenfeld aus in die ganze Schweiz geschickt. Einige flogen in Nachbarländer, manche bis nach Amerika.

Ueli gestaltete seine eigene Postkarte in den Winterferien 2004 in Bürglen im Kanton Uri. Er und seine Frau konnten keine Winteransichtskarten finden, also machte er selbst eine, zur grossen Freude der Empfänger. Die Karte zeigt einen bärtigen Tell, der Ski mit einem Schweizerkreuz in der Hand hält und vor einem Berg steht. Unser Ueli ist uns so lange in seiner Leidenschaft treu geblieben. Er hat auch schon für uns vorgesorgt: Er wird dafür sorgen, dass wir als Sammlung zusammen in Frauenfeld bleiben können und so unser Wert erhalten bleibt. Wir zeigen Frauenfeld in 2D und doch abgerundet. Weil wir platt sind wird die Welt wieder zur Scheibe. Und Ueli ist unheimlich stolz, eine Sammlung kleiner, flacher Welten Frauenfelds zu besitzen.

Désirée Wenger

desiree.ruh@thurgauerzeitung.ch

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