«Ich habe keine Albträume»

Seit Ende Januar ist die ehemalige Geisel Lorenzo Vinciguerra zurück am Arbeitsplatz im Naturmuseum St. Gallen. Zum erstenmal spricht der Tierpräparator und Familienvater aus Grub über die Rückkehr ins «normale Leben».

Marion Loher
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Mit Narbe im Gesicht: Die Flucht hat bei Lorenzo Vinciguerra Spuren hinterlassen. (Bild: Urs Bucher)

Mit Narbe im Gesicht: Die Flucht hat bei Lorenzo Vinciguerra Spuren hinterlassen. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Drei Monate sind vergangen, seit das Entführungsopfer Lorenzo Vinciguerra von den Philippinen in die Schweiz zurückgekehrt ist. Drei Monate, in denen er sich Schritt für Schritt ins «normale Leben» zurückgekämpft und jegliche Öffentlichkeit gemieden hat. Bis gestern. Vinciguerra und sein Arbeitgeber, das Naturmuseum St. Gallen, haben zu einer Pressekonferenz geladen – wegen des grossen Interesses. Seit Ende Januar arbeitet der 49jährige Tierpräparator aus Grub wieder im Naturmuseum. Zu 60 Prozent, wie vor der Geiselnahme. «Ich habe meine Arbeit vermisst. Ich bin glücklich, wieder hier zu sein», sagt er.

Die kräfteraubende Flucht

Der Aufmarsch der Medien im Naturmuseum ist gross. Überall stehen Kameras. Fotoapparate klicken. Ähnlich wie im vergangenen Dezember am Flughafen Zürich, als Vinciguerra über seine erfolgreiche Flucht aus den Fängen der islamistischen Terrorgruppe Abu Sayyaf sprach. Beinahe drei Jahre war er auf den Philippinen in Geiselhaft gewesen. Im November, um seinen Geburtstag herum, habe er entschieden: Er müsse hier raus.

In bewegenden Worten erzählte er damals von seiner dramatischen Flucht. Vom Entscheid, es auch ohne seinen gesundheitlich angeschlagenen niederländischen Kollegen versuchen zu müssen, vom gefährlichen Kampf mit einem Wachmann und von jenen kräfteraubenden Stunden, in denen er sich über eine Plantage schleppte und schliesslich von Zivilisten gefunden wurde. Geschwächt wirkte er damals, körperlich angeschlagen. Er wurde durch ein Buschmesser verletzt, verlor viel Blut und drei Zähne.

Gezeichnet von der Geiselhaft

Die Strapazen der vergangenen Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Im Gesicht eine rund zehn Zentimeter lange Narbe, die von der Verletzung mit dem Buschmesser stammt und noch gut sichtbar ist. Gesundheitlich gehe es ihm besser als noch im Dezember, sagt Vinciguerra gestern. Die drei Zähne fehlen ihm zwar noch immer, der Meniskus im Knie ist gerissen und er hat einen Leistenbruch. «Ich wollte eigentlich schon vor Weihnachten wieder zur Arbeit, habe dann aber gemerkt, dass der Körper noch mehr Erholung braucht.» Vinciguerras Stelle im Naturmuseum hielt Direktor Toni Bürgin über die Dauer der Geiselhaft offen. «Ich habe immer gehofft, dass er zurückkommt.» Die Arbeit übernahm Tierpräparator Jarno Kurz, der ebenfalls im Museum angestellt ist. «Wir ergänzen uns, funktionieren als Duo sehr gut», sagt Vinciguerra. Und Arbeit gebe es mit Blick auf das neue Naturmuseum genug.

Psychologische Hilfe habe er bis heute nicht in Anspruch nehmen müssen. «Ich habe meine Familie und Freunde, die mich unterstützen, und meine Arbeit», sagt der Vater dreier Kinder im Alter von 25, 9 und 8 Jahren. «Albträume habe ich keine. Ich reite auf einer Welle des Glücks. Der Schatten des Bösen ist weit weg, zurückgeblieben auf den Philippinen. Dort soll er auch bleiben.» Mühe mache ihm hier noch die Kälte – «ich habe es gerne warm» – und das Treppensteigen, «wegen meiner körperlichen Probleme».

Das Ganze ging «in die Hosen»

Am meisten freut er sich, am Morgen in einem weichen Bett aufwachen zu können, seine Familie um sich und einen «normalen Alltag» zu haben. Er schätze wieder die kleinen Dinge wie die eigene Sprache im Radio zu hören, mit dem Postauto zu fahren, den Rasen zu mähen – und die einheimische Fauna. «Die Liebe zum Nashornvogel hingegen ist stark geschwunden.» Insbesondere wegen dieses Vogels war Vinciguerra im Februar 2012 zusammen mit einem Ornithologen-Kollegen in die abgelegene philippinische Provinz Tawi-Tawi gereist. Dabei wurden die beiden entführt und später den Terroristen von Abu Sayyaf übergeben. Sie seien nicht blauäugig dorthin gereist und hätten einen vom Staat anerkannten Führer dabeigehabt, sagt die ehemalige Geisel. «Ich habe gewusst, dass es gefährlich ist.» Das Ganze sei «in die Hosen gegangen», und er sei selber schuld. «Deshalb bin ich auch ein wenig stolz darauf, es aus eigener Kraft geschafft zu haben, da rauszukommen.»

Warten auf die Rechnung

Stolz ist Vinciguerra auch auf seine Frau. Sie habe die Familie und das gemeinsame Haus während seiner Geiselhaft «über Wasser gehalten – ohne Sozialhilfe zu beziehen». Sie habe sich sofort Arbeit gesucht, immer an seine Rückkehr geglaubt und die Krankenkassen- und AHV-Prämien bezahlt. Wie Museumsdirektor Toni Bürgin sagt, hat die Stiftung Naturmuseum Vinciguerra noch die Löhne vom Februar und März 2012 bezahlt, anschliessend nichts mehr.

Apropos Geld: Lösegeld sei keines bezahlt worden, betont der Bund. Kosten für die Hilfeleistung seien trotzdem entstanden. «Ich weiss, dass vom Bund noch eine Rechnung kommt», sagt Vinciguerra. «Ich war in Bern. Ich bin vorbereitet.»