«Ich habe die Frau nicht gesehen»

Am Sonntag geriet eine Schlauchbootfahrerin unter ein Kursschiff. Sie blieb unverletzt dank der Geistesgegenwart von Oberkapitän Urs Thaler. Seit gestern steht er wieder hinterm Steuerrad. Mit Bauchweh – wie seine Kollegen.

Gudrun Enders
Drucken
Teilen
Alles falsch: Diese Freizeitkapitäne lassen sich nah am Kursschiff vorbeitreiben – ohne Schwimmwesten und mit zusammengebundenen Booten. (Archivbild: Gudrun Enders)

Alles falsch: Diese Freizeitkapitäne lassen sich nah am Kursschiff vorbeitreiben – ohne Schwimmwesten und mit zusammengebundenen Booten. (Archivbild: Gudrun Enders)

DIESSENHOFEN. Die Sonne brennt. Das Wasser lockt. Tausende Schlauchbootfahrer lassen sich auf dem Rhein treiben. Wegen unkundiger Bötler hat Oberkapitän Urs Thaler an diesem Sonntag schon drei Mal notfallmässig gestoppt. Er ist gerade unter der Diessenhofer Brücke durchgefahren, doch nun muss er wenden. Die Schlauchbootfahrer haben ihn zuvor daran gehindert. Seine Mannschaft steht an Deck und delegiert sämtliche Möchtegern-Kapitäne aus der Gefahrenzone. Thaler wendet die 50 Meter lange «Arenenberg».

Paralysiert unters Schiff geraten

In dieser Zeit treibt ein neues Schlauchboot auf das Kursschiff zu. Ein Insasse sieht die Gefahr, springt ins Wasser und schwimmt ans Ufer. Seine Kollegin bleibt wie gelähmt sitzen. Samt Schlauchboot knallt sie gegen die «Arenenberg» und wird unters Schiff gezogen.

Die panischen Rufe von Zeugen hört Oberkapitän Thaler: «Ich habe die Frau nicht gesehen.» Er versteht auch so, was passiert sein muss und kuppelt aus. Der Propeller stoppt. Wer als Schwimmer in einen laufenden Propeller gerät, trägt hässliche Verletzungen davon. «Dann ist die Frau unterm Schiff hervorgekommen», sagt Thaler. Der hohe Wasserstand ist in dem Fall ein Glück, denn sonst wäre das Kursschiff bei dieser Aktion auf Grund gelaufen. Zudem half eine Bootspatrouille der Schaffhauser Wasserpolizei, zufällig vor Ort.

Mehr Verantwortung ist nötig

Nach wenigen freien Tagen steht der Oberkapitän wieder auf seinem Schiff: «Der Vorfall ist gegessen.» Was aber ihm und seinen Kollegen auf dem Magen liegt, sind die unzähligen verantwortungslosen Schlauchbootfahrer, die sich bei schönem Wetter ohne Vorbereitung den Rhein hinunter treiben lassen. «Die können nicht einmal rudern», sagt Thaler. «Unsere Schiffsführer brauchen allein für ihre Ausbildung bis zu 2500 Fahrstunden.» Denn der Rhein mit seinen vielen Untiefen ist tückisch.

Die meisten Möchtegern-Schlauchbootkapitäne dagegen tragen nicht einmal eine Schwimmweste. Bei einer Kollision können auch erfahrene Schwimmer bewusstlos werden und ertrinken. Oft haben die Freizeitkapitäne ein zweites Schlauchboot mit ihren Kindern als Insassen im Schlepptau. Doch zusammengebundene Boote können sich um ein Seezeichen, eine Wiffe, wickeln. Das ist ebenfalls lebensgefährlich.

Urs Thaler Oberkapitän URh (Bild: Reto Martin)

Urs Thaler Oberkapitän URh (Bild: Reto Martin)