«Ich bin radikaler geworden»

Sie wetterte gegen berufstätige Mütter und Kinderkrippen. Ihre Voten als Nationalrätin waren markig. Sie galt als aufstrebende Kraft in der SVP. Heute ist die Rheintalerin Jasmin Hutter Hausfrau und Mutter. Und sie redet unverblümt wie eh und je.

Regula Weik
Drucken
Teilen
Jasmin Hutter mit Tochter Mara und Hund Raya im Garten ihres Hauses. (Bild: Benjamin Manser)

Jasmin Hutter mit Tochter Mara und Hund Raya im Garten ihres Hauses. (Bild: Benjamin Manser)

Eichberg ist beileibe nicht Zürich. Auch nicht St. Gallen. Und dennoch verunsichert die Verzweigung im Dorf. Ein Mann verrichtet Gartenarbeiten. «Entschuldigen Sie, bin ich hier richtig zu Jasmin Hutter?» Die Antwort kommt sofort: «Sie sind komplett falsch. Sie müssen hinaus ins Riet…» Der Mann bricht ab, greift sich an den Kopf. «Blödsinn, sie sind richtig. Die haben ja gezügelt, hinauf an den Berg.» Die Familie Hutter wohnt im letzten Haus an der Strasse – Endstation, weiter geht es nicht mehr. Wohnwagen, landwirtschaftliche Geräte, Spielsachen. Und Hühner. Jasmin Hutter lacht. Sie seien ein «Asylheim für Tiere». So leben heute drei Schafe, zehn Hühner, vier Hasen, drei Meerschweinchen und Hund Raya bei Hutters. Ein kleiner Bauernbetrieb, das sei ein versteckter Traum von ihr und ihrem Mann, sagt Jasmin Hutter.

«Du warst genauso»

Vom grossen Tisch im Wohnraum öffnet sich der Blick aufs Rheintal und weiter ins Bündnerland und nach Vorarlberg. Jasmin Hutter schätzt diese Weite – «zum Luftholen». Kürzlich sei Toni Brunner hier gesessen und habe geredet – über Politik, über Politik und nochmals über Politik. Als sie dies kritisch angemerkt habe, habe sie ihr Mann erinnert: «Du warst genauso. Du kamst oft <geladen> nach der Session aus Bern nach Hause, und immer waren alle andern die Dummen.» Hatte ihr Mann recht? «Ja, es war so.» Und heute? «Ich habe keinerlei Bedürfnis mehr, mich politisch zu engagieren oder in politischen Debatten mitzudiskutieren.»

Rückzug ins Atelier

Jasmin Hutter hat ihre Politkarriere im Dezember 2009 an den Nagel gehängt, nach der Geburt ihres Sohnes Jon. Sie war damals Vizepräsidentin der nationalen SVP, seit knapp sechs Jahren Nationalrätin und sie galt als aufstrebende Stimme innerhalb der Partei. Konnte sie nach ihren Tiraden gegen berufstätige Mütter, die ihre Kinder in die Krippe stecken, schlicht nicht mehr anders als zurücktreten? Sie wundert sich über die Frage. «90 Prozent der Frauen hier in der Gemeinde sind Mutter und Hausfrau und nicht berufstätig.»

Doch sie hat heute Verständnis für Familienfrauen, die arbeiten, um sich «vom Muttersein zu erholen». Selber möchte sie sich diesen Druck nicht aufhalsen. «Ich wäre entweder zu Hause oder im Job nicht hundertprozentig bei der Sache.» Verspürt sie nie das Bedürfnis nach Erholung von der Familienarbeit? Sie lacht. «Ich musste es erst lernen. Ich kam öfter an meine Grenzen. Die Kinder saugen viel Energie ab. Sie brauchen einen voll und ganz – rund um die Uhr.» Heute nehme sie sich bewusst Freiräume. Dann zieht sie sich ins Erdgeschoss zurück – in ihr Atelier. Neben Waschmaschine und Wäscheständer steht eine Staffelei. Jasi – so ihre «Künstlersignatur» – malt. Landschaften, Tiere, Abstraktes – worauf sie grad Lust hat. Sie bemalt Leinwände, Holz, Steine, Gips. Und sie stellt bald erstmals aus, in Amden.

«Ich hatte Farben schon immer gern», sagt sie. Dies ist auch im Haus spürbar, Küche und Wände sind farbig. «Mein Mann liess mir freie Hand. Unser Zuhause wäre weniger bunt, wenn er es geplant hätte.» Auch die Preisverhandlungen habe sie geführt – sie «händele» gern, da drücke die Geschäftsfrau durch.

Das Dörfliche sagt ihr zu

Jasmin Hutter hatte im Baumaschinenunternehmen ihres Vaters gearbeitet und war Mitglied der Geschäftsleitung. Das schlug auf ihre Politik in Bern durch. Sie lobbyierte wacker gegen Russpartikelfilter in Baumaschinen – erfolglos und mit Nachwehen. Zwei Filterhersteller reichten Klage gegen sie ein, mussten diese dann aber fallen lassen; als Parlamentarierin genoss Jasmin Hutter politische Immunität vor Strafverfolgung.

Vor gut drei Jahren haben die Eltern das Geschäft verkauft; kein Familienmitglied wollte in ihre Fussstapfen treten – auch Jasmin Hutter nicht? Sie überlegt. Hausfrau und Mutter stimme für sie. Ihr Mann habe sich zwar vorstellen können, Hausmann zu sein – «ich wollte das nicht». Traut sie es ihm nicht zu? Sie verneint heftig. «Er wäre vermutlich die bessere Hausfrau als ich.» Nun gebe er im Job «Vollgas». Er leitet ein KMU mit 130 Mitarbeitenden in Altstätten, und er geht mittags nach Hause essen. Überhaupt: Das Dörfliche und Ländliche von Eichberg sage ihr zu. Ihr Sohn sei in 15 Minuten zu Fuss im Kindergarten, und sie singe im gemischten Chor.

Würde sie heute noch gleich politisieren? «Ich bin radikaler geworden.» In Fragen, die heute ihren Alltag prägen. So in Bildungsfragen. Es sei «blödsinnig», dass Kinder mit vier in den Kindergarten müssten. Und manchmal sei es frustrierend, zu sehen, wofür sie damals gekämpft habe und wie wenig sich geändert habe. Sie nennt die Stichworte Ausländer oder Flüchtlinge.

Sie habe es – losgelöst von der Politik – schon gerne, wenn es so laufe, wie sie es sich vorstelle, sagt die 36-Jährige. «Ich bin eine Egoistin.» Mit den Kindern – Sohn Jon ist fünf, Tochter Mara ist drei – habe sie gelernt, «sich zurückzunehmen, das Tempo herunterzufahren, auf andere Rücksicht zu nehmen und mehr zuzuhören». Und sie habe auch gelernt, fünf gerade sein zu lassen – «ich bin nämlich eine absolute Perfektionistin». Die Kinder hätten sie viel über sich gelehrt – «über meine Macken und meine Qualitäten».

Die Eierfrage

Jeden Donnerstag hilft Jasmin Hutter in der «Krabbelgruppe» für Kleinkinder im Dorf, zu deren Gründerinnen sie gehört. Eine private Initiative, die «es nicht gäbe, wenn alle Mütter berufstätig wären». Die Arbeit der Hausfrau, sagt sie, sollte gesellschaftlich besser anerkannt werden, denn sie umfasse weit mehr als putzen, einkaufen, waschen, kochen. So sei sie zu Hause, wenn die Kinder in wenigen Jahren von der Schule kämen, und hätte Zeit, mit ihnen die Hausaufgaben zu machen – «ich nehme so der Schule einiges ab».

Mara mischt sich ins Gespräch ein und erzählt von den Hühnern. «Wir haben den saubersten Stall der ganzen Ostschweiz», sagt Jasmin Hutter. «Mara mistet fürs Leben gerne aus.» Doch kürzlich hat die Mutter eine bittere Erfahrung gemacht: Als sie die Dreijährige fragte, woher die Eier kämen, antwortete diese: «Aus dem Tutti.» Dem Dorfladen. Jasmin Hutter lacht: «Da hilft auch Vollzeitmutter nichts.»

Aktuelle Nachrichten