«Ich bin eine Frau vom Land»

Das Landleben weckt Sehnsüchte. Das zeigen TV-Sendungen wie die «Landfrauenküche». Die Realität sei aber häufig eine andere, sagt Regula Böhi, die neue Präsidentin des Thurgauer Landfrauenverbands. Die Landfrauen geben Unterstützung für das Leben auf dem Land.

Christof Widmer
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Wissen, woher die Lebensmittel kommen – Landfrauen-Präsidentin Regula Böhi backt zu Hause Brot mit Mehl aus der Region. (Bild: Nana do Carmo)

Wissen, woher die Lebensmittel kommen – Landfrauen-Präsidentin Regula Böhi backt zu Hause Brot mit Mehl aus der Region. (Bild: Nana do Carmo)

Frau Böhi, Sie wohnen nicht auf einem Bauernhof, sondern in einem Schulhaus. Was macht Sie eigentlich zu einer Landfrau?

Regula Böhi: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und hier in Friltschen wohnen wir auf dem Land. Unsere Nachbarn sind Bauern. Ich habe eine Familie und lebe in einem Landschulhaus in einer nicht alltäglichen Wohnsituation. Ich bin eine Frau vom Land.

Braucht eine Landfrau einen bäuerlichen Bezug?

Böhi: Nötig ist das nicht. Aber wird sind ursprünglich der Verband der Bäuerinnen. Das Verständnis für Lebensmittel, Ernährung und regionale Produkte ist wichtig und soll gefördert werden. Da ist es sicher förderlich, wenn Interesse für die Landwirtschaft vorhanden ist.

Kann eine Kreuzlingerin, die mitten in der Stadt in einer Dreizimmerwohnung im sechsten Stock wohnt, auch eine Landfrau sein?

Böhi: Das ist das Schöne an uns Landfrauen: Wir sprechen ein breites Spektrum an. Wir haben im Thurgau 56 Landfrauenvereine. Im Landfrauenverein Schmidshof machen ländlichere Frauen mit und im Landfrauenverein Weinfelden oder Frauenfeld gibt es städtischere Frauen. Eine Frau, die in einer Blockwohnung wohnt, kann sich auch für eine Weiterbildung in gesunder Ernährung oder Floristik interessieren.

Was unterscheidet die Landfrauen von anderen Frauenvereinen?

Böhi: Die Vielseitigkeit. Wir haben keinen engen thematischen Fokus. Wir pflegen den Bezug zum Land und sind gesellschaftsrelevant. Bei uns machen ganz verschiedene Frauen mit. Das macht uns attraktiv.

Das Landleben hat ein gutes Image. Davon zeugen beliebte TV-Sendungen wie die «Landfrauenküche», aber auch Zeitschriften wie die «Landliebe». Profitieren die Landfrauenvereine von diesem Boom?

Böhi: Ein Stück weit sicher. Es gibt den Trend, den eigenen Garten zu haben und das Regionale zu pflegen. Gerade die «Landfrauenküche» vermarktet das Leben auf dem Land sehr populär, was auch zweischneidig sein kann.

Sind Sie kein Fan der Sendung?

Böhi: Ich find es eine ganz tolle Sendung. Aber sie vermittelt ein Bild, das unseren Landfrauen einen Seufzer entlockt. Was dort gezeigt wird, sind Frauen, die einfach alles unter einen Hut bringen. Sie haben einen Topbetrieb, verfügen über eine Superküche und spielen nebenbei Golf. Die Sendung vermittelt ein Bild, das nicht unbedingt der Realität entspricht. Ich hörte von Bäuerinnen im Thurgau, die mitmachen wollten, aber nicht genommen wurden, weil sie ein zu wenig imageträchtiges Hobby haben.

Es wird eine heile Welt abgebildet. Sind Ihre Vereine denn mit einer anderen Realität konfrontiert?

Böhi: Es gibt auch die Betriebe, in denen die Frauen mitarbeiten müssen und kein Hobby betreiben können. Es gibt Betriebe, die mit der neuen Agrarpolitik weniger Einkommen haben. Die haben andere Sorgen, als sich den neusten Steamer für die Küche anzuschaffen.

Wie reagierten die Landfrauenvereine auf solche Probleme?

Böhi: Nur schon die Probleme zu thematisieren ist eine wichtige Aufgabe. In Zusammenarbeit mit dem Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg bieten wir Vorträge und Kurse an – etwa über Sozialversicherungsfragen, Patientenverfügung oder den Umgang mit Burn-out. Das sind Probleme, die nicht nur Bäuerinnen betreffen. Und für eine Frau in Not bieten wir die Hauspflege des Thurgauer Landfrauenverbandes an. Wenn eine Frau wegen Krankheit ausfällt, kann so zum Beispiel sichergestellt werden, dass die Kinder betreut sind. Wir sind zudem eingebunden in ein ganzes Netzwerk von Organisationen wie die Winterhilfe oder die Benefo-Stiftung. So können wir den Frauen auch sagen, wo sie Hilfe bekommen.

Im weitesten Sinn geben die Landfrauenvereine eine Anleitung für das Leben auf dem Land. Wieso braucht es das?

Böhi: Anleitung und Unterstützung geben ist das eine. Das andere ist die gesellschaftliche Funktion. Man sitzt zusammen oder macht gemeinsam einen Kochkurs.

Ist es auf dem Land schwieriger, Frauen zusammenzubringen? Braucht es darum ein Netzwerk?

Böhi: Bei uns allen wird die Zeit im Alltag knapper. Darum ist es gut, wenn es ein organisiertes Gefäss gibt. Ein Vorstand überlegt sich, welche gemeinsamen Aktivitäten sinnvoll sind. Das braucht es in der Stadt bei zunehmender Anonymität wohl genauso.

Allenthalben haben Vereine Mühe, Freiwillige zu finden. Wie sieht es bei den Landfrauen aus?

Böhi: Leute zu finden ist bei uns wie in allen Vereinen ein Thema. Im Verbandsvorstand fehlen uns im Moment zwei Mitglieder. Wir machen die Erfahrung, dass es sehr viele gute Frauen gibt. Aber wenn sie mitarbeiten wollen, müssen sie ihre Abwesenheiten zu Hause organisieren. Zudem unterschätzen sich die Frauen häufig, obwohl sie Beachtliches leisten.

Wie sieht die Mitgliederentwicklung aus?

Böhi: Wir sind stabil, wobei es zwischen den einzelnen Vereinen Unterschiede gibt. Es gibt beispielsweise diejenigen, die von Zuzügerinnen profitieren, die in den Landfrauenverein kommen, um Anschluss im Dorf zu finden.

Haben die Landfrauen ein Generationenproblem?

Böhi: Wir haben viele ältere Mitglieder, die irgendwann nicht mehr mitmachen wollen. Es gibt aber viele Vereine, in denen sich junge Frauen engagieren, weil ihnen die Pflege der Tradition wichtig ist. Wir sind in einem Generationenwechsel. Auch im Verbandsvorstand haben wir eine junge Truppe.

Wann nehmen Sie Männer auf?

Böhi: Männer sind willkommen zu unseren Anlässen. Aber wir bleiben ein reiner Frauenverein.

www.landfrauen-tg.ch

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