«Ice Age» im Thurgau

Am Ende der letzten Eiszeit herrscht ein rauhes Klima, und im Thurtal existiert ein riesiger See. Eisberge treiben zwischen Weinfelden und etwa Kleinandelfingen. Die Altstadt von Frauenfeld hat Seeanstoss.

Cathrin Caprez
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FRAUENFELD. Zugegeben, das Szenario liegt schon eine Weile zurück: Vor schätzungsweise 18 000 Jahren erstreckte sich zwischen Weinfelden und dem zürcherischen Dätwil ein Gletschersee. An dessen Ostende lag eine gewaltige Gletscherzunge mit einer bis zu zwei Kilometer breiten Eisfront. Davon lösten sich gewaltige Eisblöcke. Der rauhe Wind des damaligen Klimas blies die Brocken auf der Seeoberfläche hin und her.

Der spät- und nacheiszeitliche See in jener kargen, von Gletschern und Moränen geprägten Landschaft wird heute seinem Verlauf entsprechend Thurtalsee genannt. Für die Thurgauische Naturforschende Gesellschaft war er erstmals 1906 unter dem Namen «Frauenfeldersee» ein Thema; nun publiziert die Gesellschaft dazu erneut einen Artikel in ihrer jüngsten Mitteilung.

«Nach rund hundert Jahren war es an der Zeit, das Wissen über den damaligen Gletschersee zu aktualisieren», sagt der Autor Erich R. Müller.

32 Kilometer lang

Aufgrund der vielen geologischen Bohrungen, die mittlerweile durchgeführt wurden, schätzt Müller die Grösse des Gletschersees auf circa 32 Kilometer Länge und rund 2,5 Kilometer Breite. «Die Fläche des Thurtalsees erreichte also in etwa 80 Prozent von jener des Zürichsee, inklusive dessen Obersee», sagt Müller.

Allerdings war der damalige See im tundraartigen Thurtal mit einer maximalen Tiefe von etwa 50 Metern deutlich seichter und lebloser als der bis zu 135 Meter tiefe Zürichsee heute.

Rund 12 500 Jahre lang hatte der Thurtalsee Bestand. Sein Pegel lag bei maximal 410 m ü. M., was bedeutet, dass sich grosse Teile des heutigen Frauenfeld unter eisigen Wassermassen befunden haben. Einzig die etwas höher gelegene Altstadt hat zu jener Zeit direkt am Seeufer gelegen – bloss dass die Gegend damals noch überhaupt nicht besiedelt war.

See frisst sich durch

Schliesslich fiel der Thurtalsee aber der unerbittlichen Erosion zum Opfer. Sukzessive frass sich das Wasser durch den aufstauenden Geländeriegel an seinem Westende, so dass sich der Seepegel stetig weiter absenkte.

Frauenfelder Riviera

Schliesslich blieben von der Frauenfelder Riviera nur noch ausgedehnte Sumpfflächen und Moore in einer unwirtlichen Gegend übrig. Doch auf ebendiesen Böden fanden sich Beweise für das «Ice Age»-Szenario aus der früheren Periode der Erdgeschichte.

Die einstmals auf dem See schwimmenden Eisblöcke schmolzen mit der Zeit und den ansteigenden Temperaturen. Dabei wurden eingeschlossene Gesteinsbrocken freigesetzt und sanken auf den Grund des Thurtalsees. Diese geologischen Schätze dienen der modernen Geologie als wichtige Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära, denn sie unterscheiden sich deutlich von den Kiesel- und Schottersteinen, die von Flüssen und Bächen in die Thurebene transportiert wurden.

Weitere wichtige Hinweise auf die Existenz des Thurtalsees lieferten Sedimentbohrkerne, die von Geologen zwecks Untersuchungen von Baugrund oder im Rahmen von Wassernutzungsprojekten entnommen wurden. «Mit ebensolchen Bohrungen hatte ich in meinem Beruf dauernd zu tun», sagt Müller. «An den Bohrkernen lässt sich die Schichtung der während Jahrtausenden abgelagerten Sedimente erkennen und interpretieren.» Rückblickend scheint dies nun wie eine grosse Gelegenheit, einen tiefen Einblick in die Datenbasis für das «Ice Age»-Kapitel der Geschichte des Thurtals zu bekommen.

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