HUNGERSNOT: Geld gespart statt Essen verteilt

1816: Der Kanton war noch jung, Strukturen fehlten und die Menschen hungerten sich zu Tode. Die Thurgauer Regierung schaffte sich ein Finanzpolster an, statt die Armen zu unterstützen.

Sabrina Bächi
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Regierungsrat Johann Conrad Freyenmuth. Ein Ölbild von Georg Anton Gangyner aus dem Jahr 1831. (Bild: Staatsarchiv des Kantons Thurgau)

Regierungsrat Johann Conrad Freyenmuth. Ein Ölbild von Georg Anton Gangyner aus dem Jahr 1831. (Bild: Staatsarchiv des Kantons Thurgau)

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

«Zu allem diesem hat theils der Verfall des Fabrikwesens, theils die übernathürliche Zunahme der Bevölkerung beygetragen», schreibt die Thurgauer Zeitung am 30. November 1816. Das Ausmass der Hungerkatastrophe, ausgelöst durch ungewöhnlich schlechtes Wetter im Sommer, wird langsam sichtbar. Erklärungen gibt es einige: Das schlechte Wetter, die Überbevölkerung oder die wirtschaftlich schwierige Lage in der Ostschweiz. Ein Blick zurück zeigt jedoch: Auch die Thurgauer Regierung hat ihren Teil zum Unglück beigetragen.

Johann Conrad Freyenmuth war ab 1804 über 30 Jahre lang Regierungsrat und dafür besorgt, die Staatsfinanzen des noch jungen Kantons im Auge zu behalten. Wie im historischen Lexikon der Schweiz zu lesen ist, hat sich Freyenmuth «um den Auf- und Ausbau einer modernen Staatsfinanzierung, die Planung und den Bau eines kantonalen Strassennetzes, die Gründung der kantonalen Gebäudeversicherung (1806) und die Durchsetzung eines professionalisierten Medizinalwesens im neuen Kanton Thurgau» gekümmert. Der Thurgauer Historiker Rolf Soland hat sich intensiv mit Freyenmuth auseinandergesetzt. In seinem Buch «Johann Conrad Freyenmuth und seine Tagebücher», zeigt Soland, wie sich die Geschichte der Hungersnot in der Person Freyenmuth spiegelt.

Armut ist ein selbst verschuldetes Übel

Gewiss ist Freyenmuth nicht allein für die Hungerkatastrophe verantwortlich zu machen. Er sah die Not, aber die Kombination seiner Aufgabe als Finanzminister, und die damaligen gesellschaftlichen Auffassungen über die Armut, führten zu Entscheidungen, die den Thurgau in der Krise entscheidend prägten. Hinzu kommt, dass es dem jungen Kanton an Strukturen mangelte und Freyenmuth mit einer Neuorganisation der Armenfürsorge für Unklarheiten sorgte. Das führte zu Reibungen, die schliesslich auf dem Buckel der Armen ausgetragen wurden. «Es fehlte am richtigen Verständnis der Armut», schreibt Soland. Es herrschte die Auffassung, Armut sei in jedem Fall ein selbst verschuldetes Übel. Trotzdem sah Freyenmuth, dass es gerade im Hinterthurgau viele Unterstützungsbedürftige gäbe. Er nennt etwa 600 Personen, von denen mindestens 400 infolge Alter oder Gebrechlichkeit nicht mehr arbeiten konnten.

Anstatt aber grosszügig zu helfen, setzte die Thurgauer Regierung eher auf Repression. Am 9. November 1816 druckte die Thurgauer Zeitung eine Verordnung der Thurgauer Regierung zur Armenfürsorge ab. Neu sollten die Ortsgemeinden mit den Kirchgemeinden zusammen die Armenfürsorge bewältigen. «Dabey sollen jedoch die Gemeinds-Behörden vorbauen, dass die Unterstützungs-Bedürftigen ihren Mitbürgern nicht über das Mass der dringendsten Noth zur Last fallen.» Die Krise wurde von der Regierung nicht bekämpft, sondern verwaltet. Auch aus der Meinung heraus, dass ausschliesslich die dringendste Not zu lindern sei, ohne den Mitbürgern zur Last zu fallen, wie aus der Verordnung zu entnehmen ist. Zeitgleich ordnete die Regierung Polizei-Massnahmen an, um effizienter gegen die Bettelei vorgehen zu können, wie die Thurgauer Zeitung 1816 schreibt.

Das Betteln war im Thurgau schon lange verboten. Während der Krise nutzte die Thurgauer Regierung jedoch die steigende Kriminalität aus, um mit dem strengeren Bettel-Verbot vom November 1816 das Polizeikorps auszubauen.

Hungersnot und Staatsfinanzen

In der Krisenzeit wurde im Thurgau umgerechnet etwa 17000 Franken für die Armenunterstützung ausgegeben. Der Kanton finanzierte davon nur etwa 7000 Franken. Soland schreibt: «Vergleicht man das mit den Aufwendungen für das Polizeiwesen, so machte die aus dem Staatssäckel direkt bezahlte kantonale Hungerhilfe nicht einmal halb so viel aus.» Hinzu kommt, dass der Kanton Thurgau 1817 einen Überschuss von 19000 Franken erzielte – in einer Zeit, in der die Menschen an Hunger starben. Der Überschuss hätte gereicht, um die Armenhilfe um das Doppelte aufzustocken. Das geschah nicht, und dies, so Soland, lag nicht zuletzt an der Sparpolitik Freyenmuths und an der geteilten Auffassung der Thurgauer Regierung, «eine umfassendere staatliche Hilfe fördere das Parasitentum». Die Regierung suchte die Ursachen der Armut im fehlenden Arbeitswillen oder in der Vergnügungssucht der Bevölkerung, die sie nicht mit Staatsgeldern finanzieren wollten. Dies führte zu einer Katastrophe, die in diesem Ausmass vielleicht nicht eingetreten wäre. Ende Oktober 1816 schreibt Freyenmuth in einem Gutachten zur Armenunterstützung in Fischingen: «Die zu leistende Unterstützung wird sparsam abzumessen sein, um dem arbeitsscheuen, liederlichen Gesindel nicht eine dem gesamten Gemeinwesen nachteilige Vertröstung zu geben.»