Hunger nach normalem Leben

In der therapeutischen Wohngruppe Power2be Bethanien in Kaltenbach lernen Frauen, die an einer Essstörung leiden, wieder regelmässig zu essen und in einen geregelten Alltag zurückzufinden. Das Angebot ist einmalig in der Schweiz.

Inge Staub
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Die Abende verbringen die Frauen der Wohngruppe gemeinsam. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Die Abende verbringen die Frauen der Wohngruppe gemeinsam. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

KALTENBACH. 16 Uhr: Es ist noch still in dem grossen Haus am Rande des Dorfes. Nach und nach trudeln die Bewohnerinnen ein. Die sechs Frauen kommen von der Fachhochschule und von der Arbeit zurück. Für einige Wochen ist Power2be Bethanien ihr Zuhause. Denn die Frauen sind krank, sie leiden an einer Essstörung. Sie zählten Kalorien und hungerten sich fast zu Tode. In Kaltenbach wollen sie wieder zu einem normalen Leben und zu geregelten Mahlzeiten zurückfinden.

Die Räume der Einrichtung sind hell und gross. Im unteren Stock befinden sich Küche und Aufenthaltsräume. Im Wohnzimmer liegt eine Frau auf dem Sofa und liest in einem Buch. Eine andere schreibt am PC in der Computerkammer eine E-Mail, zwei bereiten in der Küche das Abendessen vor. Eine andere führt mit einer der vier Sozialarbeiterinnen ein Standortgespräch.

Studium wieder aufgenommen

Die 26jährige Simone hält sich im Garten auf. Sie vertritt sich die Füsse in dem grossen Park und freut sich am Blick auf die Wiesen, die an das Grundstück angrenzen. Simone leidet seit zehn Jahren an Anorexie, an Magersucht. Immer wieder hatte sie sich über Wochen mit Coca-Cola light und etwas Obst über Wasser gehalten. Als sie nur noch 43 Kilogramm wog und die Kleider am Leib schlabberten, wurde sie in eine Klinik eingewiesen. Nach der Behandlung in der Klinik ist sie in eine WG gezogen.

Als es dort wieder schwieriger wurde mit dem Essen, entschloss sie sich, in die therapeutische Wohngruppe Power2be Bethanien einzutreten. Seit drei Monaten lebt sie nun schon in Kaltenbach. In dieser Zeit hat sie ihr Studium an einer Fachhochschule in Winterthur wieder aufgenommen und bereits wieder an Gewicht zugenommen. Wie ihre Mitbewohnerinnen macht sie extern bei einer Psychologin eine ambulante Therapie. Alle Bewohnerinnen leben freiwillig in der Wohngruppe.

Regelmässig essen

«Bei uns geht es vor allem darum, eine Tagesstruktur für die Frauen zu schaffen. Sie nehmen Kontakte auf, stellen sich Konflikten und lernen, zu kochen und regelmässig zu essen», sagt Eva Naroska, Leiterin Wohnen bei Power2be Bethanien. «Wir decken eine Lücke ab zwischen ambulanter und stationärer Betreuung», erklärt die Heilpädagogin. Die Einrichtung am Rande des Kantons Thurgau ist die einzige in der Schweiz, die eine solche Übergangslösung anbietet. Das Haus wird deshalb von Frauen aus der ganzen Schweiz genutzt. Sie kommen aus Bern, Graubünden oder Basel. Therapeutische Leiterin ist die Psychologin Erika Toman.

Bald Platz für 30 Frauen

Derzeit leben sechs Frauen in der Einrichtung, die Platz für acht Bewohnerinnen hat. Langfristig sollen die beiden grossen Gebäude so umgebaut werden, dass 30 Frauen betreut werden können. Neu nimmt die Einrichtung auch Frauen für Ferien- und Kurzaufenthalte auf.

Nach sechs Wochen findet das erste Standortgespräch statt. Die Sozialarbeiterinnen klären ab, wie sich der Aufenthalt für die Bewohnerin in dieser Zeit entwickelt hat. «Manchmal nehmen Eltern, Partner oder Therapeuten an diesem Gespräch teil», sagt Sozialarbeiterin Lorena Soppelsa.

18.30 Uhr: Es riecht nach Essen. Der Duft von gebratenem Fleisch zieht von der Küche her durchs Haus. «Essen ist für die meisten schwierig», sagt Lorena Soppelsa. «Falls notwendig, wiegen wir die Mahlzeit für einzelne Frauen ab, damit sie die Nahrung bekommen, die sie benötigen.» Beim wöchentlichen Stand auf die Waage zeigt sich, ob sie zunehmen.

Lernen, wie man Fleisch kocht

«Viele haben Mühe, Teigwaren, Überbackenes oder Frittiertes zu essen», sagt Lorena Soppelsa. In Power2be Bethanien lernen die Frauen, sich ausgewogen zu ernähren, indem sie eine Mahlzeit zubereiten, die Eiweiss, Gemüse und Stärke enthält. Sie lernen, wie man eine Salatsauce herstellt und wie man Fleisch anbrät. «Die Frauen haben nicht einfach Mühe, richtig zu essen. Bei Magersucht handelt es sich um eine der schwersten psychischen Erkrankungen», erklärt Eva Naroska. Bei Magersucht wird das Essen verweigert. Zehn Prozent aller Magersüchtigen sterben.

Achtsamkeit und Wellness

19 Uhr: Im Esszimmer ist aufgetischt. Die Bewohnerinnen und ihre Betreuerinnen sitzen am grossen quadratischen Tisch. Zwei Frauen schöpfen sich selbst, die anderen lassen sich von den Sozialarbeiterinnen Salat, Gemüse, Reis und ein Putenschnitzel auf den Teller legen. Die Frauen essen langsam, erzählen, was sie gerade beschäftigt. Während der Mahlzeit reden sie nicht übers Essen. Das ist nicht erwünscht, um die Esssituation zu entlasten. Allerdings wird das Thema am Abend in der Gruppe angesprochen. Die Abende verbringen die Frauen gemeinsam. Jeden Tag steht etwas anderes auf dem Programm. Neben Gesprächen gibt es auch Achtsamkeits- und Bewegungsabende sowie verschiedene Wellnessangebote.

Positive Erlebnisse

Da bei einer Essstörung meist auch die emotionale, soziale und körperliche Integrität verletzt ist, versuchen die Therapeutinnen den Frauen positive Erlebnisse wie Geborgenheit und Sicherheit zu verschaffen. Eva Naroska betont: «Unser Focus liegt darauf, den jungen Frauen nebst einem gesunden Essverhalten ein neues Lebensgefühl zu vermitteln und sie in der Definition ihres persönlichen Lebenssinnes zu unterstützen.»

Die Frauen lernen, sich eine Mahlzeit zuzubereiten. (Bilder: Benjamin Manser)

Die Frauen lernen, sich eine Mahlzeit zuzubereiten. (Bilder: Benjamin Manser)