HÜTTWILEN: Mister Albert in Äthiopien

Der Pensionär Albert Vetterli schulte vier Monate lang Einheimische in einem ostafrikanischen Landwirtschaftsprojekt. Er nahm 15 Kilo ab, kehrte aber reich an neuen Lebenserfahrungen ins Seebachtal zurück.

Roland Müller
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Die hügelige Landschaft des äthiopischen Nono-Gebiets. (Bild: PD)

Die hügelige Landschaft des äthiopischen Nono-Gebiets. (Bild: PD)

Roland Müller

frauenfeld

@thurgauerzeitung.ch

Der Jüngste ist Albert Vetterli nicht mehr. Pensioniert, zwei­facher Grossvater. Und doch hat er sich auf ein Abenteuer in Afrika eingelassen. Dem Landwirtschaftsbetrieb einer Mission am äthiopischen Nil stellte er sein Wissen zur Verfügung.

Bereits 1983 war er als Coach und Kampfrichter an den Pflüger-Weltmeisterschaften im afrikanischen Simbabwe. Damals kam er erstmals direkt mit der Not der Einheimischen in Kontakt. Dann, im Mai 2014, war es ein Artikel in einer Fachzeitschrift, welcher über das Nono-Entwicklungsprojekt informierte. Eine Fachkraft war gesucht. Vetterli packte diese Gelegenheit beim Schopf, bewarb sich und bekam die Stelle. So reiste er in eines der ärmsten Länder Afrikas.

Nur jeder Fünfte hat Zugang zu frischem Trinkwasser

Äthiopien kennt eine grosse Regenzeit im Juli, August und September und eine kleine im März und April. Das Land ist rund 30-mal grösser als die Schweiz und zählt rund 90 Millionen Einwohner. «40 Millionen sind Analphabeten und nur jeder fünfte Einwohner hat Zugriff zu sauberem Trinkwasser. Aktuell hungern in diesem Land rund zehn Millionen Menschen», sagt Vetterli. 70 Millionen Menschen leben von der kleinstrukturierten Landwirtschaft, oftmals mit nur einer Hektare Land. Als Selbstversorger hält man sich Ziegen, Esel und Schafe, baut Ölsaaten wie Raps, Sonnenblumen und Mohn an. Zudem sind die roten und weissen Bohnen für die menschliche wie tierische Ernährung von grosser Bedeutung.

Das landwirtschaftliche Projekt Nono geht auf die 1980er-Jahre zurück. Damals herrschte eine riesige Hungersnot. Die betroffene Region Nono liegt auf rund 1750 Metern über Meer und 230 Kilometer von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt. Die letzten 80 Kilometer Richtung Nono sind unbefestigt, die Strasse führt über ein Dutzend Flüs­se, die nur bei wenig Wasser pro­blemlos durchquert werden können.

Der Staat fragte damals die Mission am Nil an, ob sie bereit wäre, in dieser abgelegenen Region, wo 100000 Menschen ums nackte Überleben kämpften, ein landwirtschaftliches Entwicklungsprojekt sowie eine Krankenstation aufzubauen. 2004 wurde das Projekt mit einigen hundert Hektaren Land gestartet. Seither sind laut Vetterli 19 Brunnen gebohrt worden. Und ab 2012 kommen vermehrt landwirtschaft­liche Maschinen zum Einsatz. «Wir haben in diesem Projekt 275 Hektaren Acker- und Grasland bewirtschaftet. Dazu kommen 128 Hektaren Wald und 300 Hektaren Busch», erzählt Vetterli. Er hat Zahlen von 2014: 45 Hektaren rote und weisse Bohnen, 38 Hektaren Mais, 14 Hek­taren Kichererbsen, fünf Hektaren Hirse, eine Hektare Leinsamen und zwölf Hektaren Mango, Bananen und Avocados. «Der Einsatz von Chemie und Dünger sind nicht bekannt.»

Maschinen vielfach in schlechtem Zustand

«Mein Auftrag war umfassend. So musste ich für das Einbringen der Ernte mit dem Mähdrescher sorgen. Zugleich mussten die Mitarbeiter zur Bedienung der Maschinen geschult und kleine­re Reparaturen ausgeführt werden.» Dazu kam die Schulung in Bodenbearbeitung oder Gemüsebau und der Aufbau von Bewässerungssystemen. Der Betrieb hielt 160 Völker Honigbienen und 110 Mutterkühe. Auch technisch war man verhältnismässig gut aufgerüstet. Traktoren, Mähdrescher, Lastwagen und Bagger waren vorhanden. «Leider war vieles davon in einem schlechten Zustand», sagt Vetterli. Insgesamt fanden 40 Angestellte beim Projekt Nono eine Arbeit. Für Erntearbeiten konnten bis zu 150 Taglöhner, vielfach Bauern aus der Umgebung, beschäftigt werden.

«Ich habe eine grosse Armut angetroffen. Doch die Menschen waren mit ihrem einfachen Leben zufrieden, meine Anwesenheit als wertvolle Fachkraft wurde geschätzt», bilanziert Vetterli. Er selber erlebte in diesen vier Monaten in Äthiopien viel, was immer wieder auch unkonventionelle Lösungen verlangte. «Ich musste wie im Militär Pünktlichkeit und Durchhalten vorleben.» Oft schlugen ihm aber die fehlende Zeit oder zu wenig Treibstoff einen Haken.

Menschlichkeit und Zufriedenheit erfahren

Vetterli zeigt sich beeindruckt, wie die Angestellten und Tag­löhner ihr Schicksal selber in die Hand nehmen, ihre Tagesab­läufe. Auch die Achtung vor der älteren Generation, die vorge­lebte Menschlichkeit und Zufriedenheit hat er nach Hause mit­genommen, obwohl er in Folge der Umstellung der Ernährung 15 Kilo abgenommen hat. Leider seien nicht alle dem Projekt Nono wohlgesinnt. Sabotagen an Pumpstationen gehörten auch dazu. Zudem musste das Camp mit Zäunen gut gesichert sein. Auf den Feldern waren 24 Wächter nötig, um diese vor Banditen, wilden Tieren und Feuersbrünsten zu schützen. Doch auch tagelange Stromausfälle oder schwierige Ersatzteilbeschaffung erschwerten den Alltag. «Mit allen Problemen kamen sie zu Mister Albert, ich war als Allrounder überall gefragt. Für mich war es auf jeden Fall eine grosse Bereicherung meines Lebens.»