HOLZKUNST: «Das bin ja wirklich ich!»

Polo Hofer oder Simon Amman sind bereits als Skulptur verewigt. Die letzte Woodvetia-Figur ehrt nun eine Frau aus dem Volk: die Thurgauerin Hildegard Kissling.

Rossella Blattmann
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Hildegard Kissling sieht in Inigo Gheyselincks Atelier zum ersten Mal ihre Woodvetia-Figur. (Bild: Donato Caspari)

Hildegard Kissling sieht in Inigo Gheyselincks Atelier zum ersten Mal ihre Woodvetia-Figur. (Bild: Donato Caspari)

Rossella Blattmann

rossella.blattmann@thurgauerzeitung.ch

Es ist schwierig zu sagen, was heller strahlte: Hildegard Kisslings Lachen, oder das Licht im Atelier von Inigo Gheyselinck. Als die 67-jährige Rentnerin aus Aadorf an einem sonnigen Nachmittag für den letzten Feinschliff in Turgi (AG) eintrifft, sieht sie zum ersten Mal ihre Holzfigur. «Das bin ja wirklich ich!» freut sich Kissling. Nach genauerem Betrachten fügt sie schmunzelnd hinzu: «Man sieht sogar meine Altersflecken.» Letztere sind bei Hildegard Kissling selbst hingegen gut kaschiert. Die Aadorferin wirkt jung, hat eine gepflegte Erscheinung und eine sportliche Figur.

Vom Voting zur fertigen Skulptur

Wie kam es dazu, dass die pensionierte ehemalige PTT-Telefonistin zur letzen Woodvetia-Figur wurde? Sie habe eines Tages in der Gratiszeitung «20 Minuten» einen Aufruf gesehen. Die Leser wurden aufgefordert, ein Foto von ihnen im Wald einzusenden. Das hat Hildegard Kissling auch getan. «Ich bin ein unternehmungslustiger Mensch und probiere gerne neue Dinge aus» sagt Kissling. Der Bescheid, dass ihr Bild unter die besten zehn gekommen sei, habe sie überrascht. «Ich. In den Top 10! Ich konnte es kaum glauben.» Aus den zehn Finalistenfotos konnten nun die Leser der Gratiszeitung via Publikumsvoting entscheiden, wer das letzte Woodvetia-Modell sein würde. Kissling fackelte nicht lange, und mobilisierte ihr gesamtes Umfeld. Über WhatsApp und Facebook habe sie Freunde und Verwandte von Nairobi in Kenia bis Australien wiederholt dazu ermuntert, online für sie abzustimmen. Der Aufwand sollte sich lohnen, denn nach einer Woche war klar, dass Hildegard Kissling das Publikumsvoting für sich entschieden hatte.

In einem mehrstufigen Prozess hat Gheyselinck mit seinem Assistenten aus dem Holz einer 90 Jahre alten Bergulme aus dem Kanton Bern das Ebenbild der Aadorferin gefertigt. Ein Tonmodell des Kopfes, sowie Kisslings Körper – sie stand Modell – wurden mit einem 3D-Scanner eingelesen, und dann am Computer zusammengefügt. Mit einem CNC-Fräser wurde diese 3D-Vorlage aus dem Holz der Bergulme herausgefräst. Abschliessend hat Gheyselinck manuell letzte Feinarbeiten vollzogen.

Hildegard Kissling verbringt viel Zeit im Wald, wo sie mit Leidenschaft Nordic Walking betreibt. Sie hat auch schon am Winterthurer Halbmarathon teilgenommen, wo sie auf der 10-Kilometer-Strecke an den Start ging. Sie liest auch gerne und viel, am liebsten historische und Liebesromane.
 

Eine Statue für die Nachwelt

Hildegard Kissling wohnt mit ihrem Mann Peter, einem gebürtigen Frauenfelder, seit 17 Jahren in Aadorf. Peter Kissling ist beim letzten Feinschliff in Gheyselincks Atelier in Turgi mit von der Partie. Er erzählt stolz von seiner hilfsbereiten und spontanen Ehefrau. Peter und Hildegard Kissling sind seit 32 Jahren verheiratet, Kinder hat das Ehepaar Kissling keine. Dafür gebe es jetzt ja ihre Woodvetia-Statue, betont Hildegard Kissling. «So hinterlasse ich der Nachwelt doch etwas. Bis die Holzwürmer kommen, und mich zerfressen!»