Höhere Hürden für Opfer-Therapien

Im Kanton Thurgau sind die Gesuche um Opferhilfe 2014 stark zurückgegangen. Darin spiegelt sich laut der Geschäftsleiterin der Opferhilfe nicht nur die Kriminalstatistik. Der Kanton habe die Bewilligungspraxis für Therapien verschärft.

Thomas Wunderlin
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Elisabeth Rietmann Geschäftsleiterin Opferhilfe (Bild: Donato Caspari)

Elisabeth Rietmann Geschäftsleiterin Opferhilfe (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. 2014 hat der Kanton Thurgau nur ein Drittel so viele Gesuche um Opferhilfe verzeichnet wie im Vorjahr. Gemäss Geschäftsbericht des Regierungsrates sind noch 23 Gesuche um Kostengutsprache für Soforthilfe und längerfristige Hilfe eingegangen. 2013 waren es 69 gewesen. Auch verglichen mit den weiter zurückliegenden Jahren ist der Rückgang drastisch: 2012 ersuchten 49 Opfer von Straftaten um eine finanzielle Hilfe, 2011 waren es 74 Gesuche.

Weiter 900 Fälle bei Opferhilfe

Als Ursache sieht der Generalsekretär des Departements für Justiz und Sicherheit Stephan Felber den allgemeinen Rückgang der Gewalttaten gemäss Kriminalstatistik (Ausgabe vom 23. Juni). Im Kontrast dazu steht der gleichbleibende Andrang bei der Opferhilfe. Mit 918 Fällen waren es 2014 fast gleich viele wie 2013. Gemäss der Geschäftsleiterin der Fachstelle Opferhilfe Thurgau, Elisabeth Rietmann, bewegen sich die Fallzahlen auch längerfristig im Bereich von 900 jährlich. Den Rückgang der Finanzgesuche erklärt sie sich nicht nur mit der Kriminalstatistik. Auch die restriktivere Bewilligungspraxis wirke sich aus, sagt Rietmann: «Der Kanton setzt höhere Anforderungen an die Qualifikation von Therapeuten.» Das Justizdepartement verlange oft, dass eine Therapie von einer Krankenkasse anerkannt werde. Damit falle zu Lasten der Opferhilfe höchstens noch der Selbstbehalt an. Diese Voraussetzung erfülle etwa eine Maltherapie nicht, obwohl sie in bestimmten Fällen sehr erfolgreich sein könne. Rietmann steht der Praxisverschärfung kritisch gegenüber: «Nicht jedes Opfer einer Straftat braucht einen Psychiater, oft genügt eine psychologische Therapie.» Angesichts der höheren Hürde verzichteten manche Opfer darauf, ein Gesuch zu stellen. Dass die Fälle der Opferhilfe unverändert geblieben sind, erklärt die Sozialarbeiterin damit, dass «Opferhilfe nur zum kleinen Teil aus Geld besteht». Die fünf Opferberaterinnen der Benefo-Stiftung, die einen Leistungsauftrag mit dem Kanton erfüllt, bieten psychologische und soziale Unterstützung an und leisten medizinische und juristische Hilfe. Wird keine finanzielle Hilfe verlangt, gibt es kein Gesuch an den Kanton. Ausserdem wird von der Hälfte der Opfer keine Anzeige erstattet, erklärt Rietmann: «Die Justiz weiss nichts davon.»

Wegweisung und Kesb

Einen längerfristigen Grund für den Rückgang der Opferhilfe-Gesuche sieht Geschäftsleiterin Rietmann in der 2008 im Thurgau eingeführten Möglichkeit der polizeilichen Wegweisung. Da Gewalttäter aus dem gemeinsamen Heim verbannt werden können, braucht es weniger Aufenthalte im Frauenhaus. Zudem ist der Thurgau laut Rietmann restriktiver geworden bei der Kostenübernahme. Auch gegenüber dieser Verschärfung hat sie Vorbehalte: «Oft ermöglicht es erst der Aufenthalt im Frauenhaus, einen Sachverhalt opferrechtlich abzuklären.»

Nicht zuletzt wirke sich auch die Einführung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) 2013 aus, was Rietmann begrüsst. Die Opferhilfe hat seither weniger mit minderjährigen Opfern zu tun; ihr Anteil ist von rund 33 auf 20 Prozent gesunken. Ohne diesen Rückgang wären die Fallzahlen der Opferhilfe sogar gestiegen.