Höhenflug nach Bruchlandung

Dank Elektro-Bike abgehoben: Vor rund 40 Jungunternehmern erzählte Kurt Schär die Erfolgsstory der Marke Flyer. Doch auch der erfolgverwöhnte CEO von Biketec in Huttwil hatte Lehrgeld zu bezahlen.

Beat W. Hollenstein
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«Wir produzieren keine E-Bikes, sondern glückliche Menschen»: Kurt Schär bei seinem Vortrag im Frauenfelder Rathaus. (Bild: Nana do Carmo)

«Wir produzieren keine E-Bikes, sondern glückliche Menschen»: Kurt Schär bei seinem Vortrag im Frauenfelder Rathaus. (Bild: Nana do Carmo)

Frauenfeld. Noch vor wenigen Jahren war fast ausschliesslich die Generation 60 plus mit dem Elektrovelo unterwegs. Die Stromer galten als uncool. Tempi passati! Zu den Rentnern gesellen sich immer mehr Bürolisten, die umweltbewusst und schweissfrei zur Arbeit fahren, Mütter, die ihre Einkaufe auf zwei statt vier Rädern erledigen (inklusive Nachwuchs im Anhänger), oder Tourenfahrer ohne stählerne Wädli, die bei Bedarf auf elektrischen Schub zurückgreifen wollen.

Die E-Bikes sind im Velogeschäft die Renner der Saison. Darüber freut sich insbesondere der Schweizer Marktleader Biketec. Der Flyer-Hersteller erlebt einen sagenhaften Höhenflug: 2002 produzierten sechs Mitarbeiter 850 E-Bikes, letztes Jahr zählte die Firma bereits 140 Mitarbeiter, und 42 000 Flyer verliessen das Werk im bernischen Huttwil.

Gestern referierte CEO Kurt Schär am 4. Start-up-Talk im Frauenfelder Rathaus. Rund 50 Jungunternehmer hingen gebannt an seinen Lippen, erzählte der 45-Jährige doch Erstaunliches: Alles begann mit einer Bruchlandung. Ab 1995 stellte die Firma BKTech den Flyer Classic her, der sich leidlich verkaufte. Ein Jungunternehmerpreis liess in der Folge auch die Bankengelder sprudeln. «Mit der F-Serie 2000 bauten wir das wohl beste E-Bike der Welt», erzählte Schär. «Es steckte voller innovativer Technik und hatte ein futuristisches Design.»

Auf die Nase gefallen

Doch die Herstellung war zu teuer, und es verkaufte sich nicht wie erwartet. BKTech rutschte tief in die roten Zahlen und musste im September 2001 ein Gesuch um Nachlassstundung einreichen. «Wir hatten einen Ingenieuransatz statt eines Marktansatzes», zeigte Schär den gravierendsten Fehler auf. «Wir waren zu sehr ins Produkt verliebt.» Man habe an der eigentlichen Zielgruppe vorbeiproduziert: Wegen des hohen Einstiegs konnten ältere Leute nur mühsam aufsitzen, und die Banker, die man im Visier hatte, vergnügten sich lieber mit ihrem Range Rover.

Die Anfängerfehler sollten kein zweites Mal passieren. Die Nachfolgefirma Biketech startete mit einer Umfrage – allerdings mit ernüchterndem Resultat: «Ein E-Bike? Brauche ich nicht!», lautete das Fazit. Das sei etwas für alte Leute, das Velo sei zu schwer, der Akku habe zu wenig Reichweite, und zudem sei es nicht ökologisch, weil es Strom brauche.

Viele der Zuhörenden hätten wohl das Handtuch geworfen. Nicht so Kurt Schär: «Ich wollte beweisen, dass die Idee funktioniert.» Um ein Unternehmen erfolgreich zu führen, müsse man ein guter Verkäufer sein, und falls man das nicht sei, müsse man einen als Partner haben. Damit dürfte Schär kein Problem haben; er trieb seinen Vortrag witzig und in unbernischem Tempo voran. Immer wieder hatte er die Lacher auf seiner Seite.

2003 lancierte Biketec mit der C-Serie das erste E-Bike Europas, das mit der neuen Lithium-Ionen-Batterie ausgerüstet war. Von da an ging's mit der Firma nur noch bergauf. Auch wegen neuer Marketingideen erreichte Biketec in der Schweiz einen Marktanteil von bis zu 70 Prozent; 2010 betrug der Umsatz 90 Millionen Franken; und dieses Jahr sollen 58 000 E-Bikes ausgeliefert werden.

Neue Marketingideen

«Nicht mehr die innovative, aber abstrakte Technik ist unser wichtigstes Verkaufsargument, sondern wir setzen auf greifbare, lebensnahe Argumente», berichtete der erfolgverwöhnte Unternehmer. Zum Beispiel, dass hundert Kilometer mit einem Flyer gleich viel Strom verbraucht wie wenn man am Morgen drei Minuten lang duscht. Indes, um die Frage, wie man das Produkt unter die Leute bringt, kam auch Schär nicht herum. Seine Antwort: 30 Sekunden fahren sind besser als 30 Minuten reden. Er baute zusammen mit Partnern vor allem in den Ferienregionen über 600 Vermiet- und Akku-Tausch-Stationen auf.

«Gläserne Fabrik» gebaut

Seine Rechnung ging auf, viele Urlauber waren «angefixt», wie es im Werberjargon heisst, und wollten einen Flyer für den Alltagsgebrauch. Ausserdem wurde das neue Werk in Huttwil als «gläserne Fabrik» gebaut. Jedes Jahr werden Besuchergruppen durchgeschleust und mit einem Flyer auf Probefahrt geschickt. So konnte Schär seinen Vortrag relaxt beenden: «Wir produzieren keine Velos, sondern glückliche Menschen.»

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