HISTORISCHES: Eugène, Hippolyt & Rolf

Die Mauern von Schloss Eugensberg sind kaum 200 Jahre alt. Aber sie haben schon einiges erlebt. Einmal wäre sogar fast der Kanton Thurgau Hausherr geworden.

Peter Exinger
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Vogelperspektive: Schloss Eugensberg mit Swim­ming­pool. (Bilder aus «Eugensberg. Ein Schloss und 2500 Jahre Geschichte», 1997.)

Vogelperspektive: Schloss Eugensberg mit Swim­ming­pool. (Bilder aus «Eugensberg. Ein Schloss und 2500 Jahre Geschichte», 1997.)

Peter Exinger

peter.exinger@thurgauerzeitung.ch

Der Stiefsohn von Napoléon liess sich Schloss Eugensberg bauen. Das klingt salopp. Und setzt voraus, dass wir alle wissen, wer Napoléon war und vor allem wer sein Stiefsohn, Eugène de Beauharnais. Nun: Napoléon Bonaparte pflügt Anfang des 19. Jahrhunderts die Politik und Grenzen in ganz Europa um. Er lenkt Frankreich aus dem System der Revolution in einen diktatorisch geführten Staat. Kühnheit und Geschick als Feldherr führen ihn von Erfolg zu Erfolg. So lässt er sich zum Kaiser krönen. Privat vergibt er sein Herz zuerst an eine reifere Dame – Joséphine de Beauharnais –, die zwei Kinder mit in die Ehe bringt: ­Eugène und Hortense.

Der Stiefsohn bleibt Napoléon zeitlebens treu ergeben, selbst als alle Macht ins Wanken gerät. Zu Beginn stand eine glänzende militärische Karriere, dann die Herrschaft von Napoléons Gnaden über Italien als Vizekönig. Schliesslich erlangt Eugène die herzögliche Würde derer von Leuchtenberg mit der Residenzstadt Eichstätt in Bayern.

Ein Rückzugsort in der neutralen Schweiz

Neben seiner Schwester – Hortense residiert im Schloss Arenenberg – lässt er sich einen Rückzugsort in der seit dem Wiener Kongress als neutral geltenden Schweiz bauen: Schloss Eugensberg. Es ist ein dreigeschossiger Bau im damals üblichen Empire-Stil. Doch wissen die Geschichtsbücher nichts über einen Architekten zu berichten – Baupläne sollen auch keine mehr vorhanden sein.

Zwischen 1819 bis 1821 erstellt, mit einem Küchen- und einem Gärtnerhaus rechts und links versetzt zum Haupt­gebäude liegt das Schloss auf einer Terrasse höher als die nur ein paar hundert Meter entfernte Burg Sandegg mit Aussicht über den Untersee. Historische Quellen berichten vom «kleinen Schlösschen» oder «einfachem Landhaus». Beide Beschreibungen treffen die baulichen Umstände nur ungenau. Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen. Eugensberg war jedenfalls nur im Sommer bewohnbar – bis auf ein einziges Cheminée im ersten Stock war das Gebäude nämlich nicht beheizbar. Wie der Erbauer je hätte dort auf Dauer leben können, bleibt uns heutigen Erdenbewohnern ein Rätsel. Eugène de Beauharnais jedenfalls residiert selbst nur zweimal je für ein paar Wochen in seinem Schloss: 1822 und 1823.

Nach dem Tod ihres Vaters Eugène im Februar 1824 fällt das Schloss als Erbe an die zweitälteste Tochter Eugénie. Zehn Jahre später verkauft sie es an Heinrich von Kiesow in Augsburg – der firmiert als Hersteller von «Balsam und Lebensessenzen» und verdient ein Vermögen mit dem Vertrieb eines selbst entwickelten «Lebenselixiers». Das Kiesowsche Produkt besteht unter anderem aus Bitterholz, Rhabarber, Safran und Kardamon – es muss auch manch Quentchen Weingeist darein gemischt worden sein; jedenfalls ist der Verkauf in manchen Teilen Mitteleuropas zwar verboten, was dem Triumphzug dieses Wundermittels keineswegs schmälert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir wissen nicht, wie sehr sich von Kiesow an Eugensberg erfreuen konnte. Er trennt sich jedoch bereits zu Leb­zeiten vom Schloss und verkauft es im Jahr 1857 an den Gemahl der Gräfin Amalie von Reichenbach-Lessonitz aus Frankfurt – es ist sein Hochzeitsgeschenk an die 19-jährige Gattin. Mehr als ein halbes Jahrhundert verbringt sie ihre Sommer auf Eugensberg. Die Gräfin lässt eine Verbindung zum Küchenhaus erstellen, per verglastem Tunnel; nicht sehr stilecht, das wird sie wohl selber gewusst haben, aber praktisch immerhin. Ihre Tochter Pauline erbt Eugensberg 1912. Und diese sieht sich bald nach einem neuen Besitzer um.

Nun folgt die Ära des reichen Unternehmers Hippolyt Saurer – «Schlosspark, Wiesen, Ackerland, Obstanlagen und Wald umfassen eine Fläche von 66 Hektaren; das ist ungefähr die Grösse von 95 Fussballfeldern», steht in der Thurgauer Zeitung. Und man weiss: Zwischen 1916 und 1925 lässt Saurer viel umbauen und ändern und vergrössern, eigentlich könnte man «von einer zweiten Bauphase» sprechen. Es kommt zum Einbau einer Heizung und eines Lifts. Hippolyt «vervollkommnete den Bau» regelrecht. Innen und aussen. «Entsprechend der Funktionen der ­Räume und ihrer Bedeutung sind die ­Stile gewählt: für den Salon das höfische Empire, für den Herrensalon das be­häbige Neubarock, fürs Billardzimmer das Urchig-wohnliche eines schottischen Schloss-Salons. Alles in allem hat Hippolyt Saurer an der Schwelle zum nüchternen Bauhaus-Stil in einer letzten Blüte des traditionellen dekorativ arbeitenden Handwerks ein Ensemble von sprühender Formenvielfalt und dennoch geschlossener gedanklicher Einheit geschaffen.» Mit seiner Gattin Sina und Tochter Anita wohnt Saurer «fortan im Schloss. Hier empfangen sie ihren Freundeskreis, Künstler, Politiker und Diplomaten.» So lange, bis Saurer mit 58 Jahren stirbt – 1936. Die nächste weltgeschichtliche Katastrophe lenkt das Schicksal des Schlosses in eine heute schwer nachvollziehbare Phase.

1938 will die Witwe Saurer-Heger das Schloss samt Umschwung an den Kanton verkaufen; für 600 000 Franken. Ein Experte ermittelt einen Zeitwert von 1 480 000 Franken, man hätte etwa 76 000 in kleinere Renovationen stecken müssen. Für den Thurgau wäre es also zweifellos ein gutes Geschäft geworden. Aber die bestellte Expertise des Architekten Mörikofer aus Romanshorn spricht von einem «furchtbaren Durcheinander verschiedener Richtungen» in dem Schloss. Vielleicht nimmt der Kanton deswegen Abstand vom Erwerb.

So wird im Jahr 1939 die Stiftung «Hippolyt Saurer Schloss Eugensberg» gegründet, die gegen einen Franken Eintritt Zugang ins Schloss gewährt. Obwohl jubelnd begrüsst, erlahmt die Begeisterung bald. Die NZZ zählt Mitte 1943 für die letzten drei Jahre 37 492 Besucher. Als die treibende Kraft hinter der Stiftung, Waldemar Ullmann, ermordet wird, fällt Eugensberg 1944 wieder an die Witwe Saurer zurück. Vier Jahre später ist sie die Bürde los: Für 850 000 Franken geht das Schloss an den Diakonie-Verband Ländli in Oberägeri ZG. Danach verwenden die Ordensfrauen das Gebäude als Ferien- und Erholungsheim vor allem für betagte Gäste. 1988 wird der Betrieb eingestellt. «Zum erstem Mal seit 167 Jahren kommt der Postbote nicht mehr auf den Eugensberg.»

Ein teurer Umbau mit mondänem Swim­ming­pool

1990 schlägt die Familie Erb aus Winterthur zu: «Schlossgut Eugensberg. 1819–1824 erbautes, 3-geschossiges Gebäude mit 45 Zimmern, antikem Mobiliar in wunderschöner Parkanlage zu verkaufen». Die Unternehmer-Familie lässt sich nicht lumpen. Sie modernisiert das Schloss, renoviert die Räumlichkeiten bis ins kleinste Detail, bleibt dem Stil des Hauses treu. Scheut weder Kosten noch Mühen. Augenfälligste Neuerung: das grosszügige Schwimmbecken oberhalb des Schlosses.

Der Rest ist bekannt: Der Firmen-Crash der Erbs erfolgt nicht lange nach dem Tod des Patrons im Jahr 2003 und ist 2,4 Milliarden Franken schwer und damit die zweitgrösste Pleite in der Geschichte der Schweiz. Noch in den Tagen vor Konkurseröffnung überschreibt Rolf Erb seinen 10-monatigen Zwillingen das Schloss. Dagegen prozessieren die Gläubiger jahrelang. Schliesslich erfolgreich. Das Schloss zählt nun zur Konkursmasse. Rolf Erb stirbt im April 2017 an Herz­versagen in seinem geliebten Eugensberg. Die Familie ist erst vor ein paar ­Wochen, im August, ausgezogen.

Derzeit herrscht gespannte Ruhe und eine andere Emsigkeit über dem Gelände. Denn demnächst steht alles zum Verkauf: Wald, Park und Wiese – Schloss, Gutsbetrieb und Sandegg. Dafür werden jetzt vor Ort alle nötigen Vorbereitungen getroffen. Wer wird in Zukunft das Anwesen mit Leben füllen? Wer darf wohl die Geschichte fortschreiben?

Hauptquellen

Rudolf Marti: «Eugensberg. Ein Schloss und 2500 Jahre Geschichte», 1997.

A. Raimann/P. Erni «Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau – Bezirk Steckborn»

TZ-Archiv. NZZ. Wikipedia. GoogleBooks.