HISTORIE: Skandalöse Geschichte

Der Steuerbetrug des Schuhfabrikanten Löw brachte 1951 auch dessen Anwalt zu Fall, den Amriswiler FDP-Nationalrat Alfred Müller. Diese und andere Geschichten arbeitet ein Band des Historischen Vereins auf.

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Luftaufnahme der Schuhfabrik Löw in Oberaach bei Amriswil. (Bild: PD)

Luftaufnahme der Schuhfabrik Löw in Oberaach bei Amriswil. (Bild: PD)

Es war der grösste Skandal, den der Thurgau im 20. Jahrhundert erlebte: Vier Tage vor den Wahlen im Oktober 1951 griff die Thurgauer Arbeiterzeitung (AZ) in einem kantonsweit gestreuten Extrablatt den freisinnigen Nationalrat Alfred Müller an. Der mächtige Amriswiler Anwalt, der als Nationalbankpräsident die Banknoten unterschrieb, habe vom Steuerbetrug eines seiner Klienten gewusst, warf ihm die Zeitung der Sozialdemokraten vor. Der Amtsinhaber fiel auch deshalb bei der Wahl um 56 Stimmen hinter seinen Konkurrenten Hans Holliger zurück. Der aufstrebende Romanshorner Anwalt verzichtete zwar auf die Wahl in den Nationalrat; die Öffentlichkeit empörte sich aber so über diese Missachtung des Volkswillens, dass sich auch Alfred Müller zurückzog. Weil der Regierungsrat den Verzicht von Holliger schon zu Protokoll genommen hatte, rückte schliesslich der Drittplatzierte ins Bundeshaus nach, der Frauenfelder Unternehmer Walter Tuchschmid.

Diesen Skandal um den Oberaacher Schuhfabrikanten Hans Löw, der mit Tricksereien rund sechs Millionen Franken Gewinn verheimlicht hatte, wollte der Journalist Thomas Wunderlin 2001 zum 50-Jahre-Jubiläum würdigen. Dafür führte er Gespräche, so mit dem Redaktor Fred Sallenbach, der sich als Meinungsmacher in der FDP Thurgau zu erkennen gab. Die Aufarbeitung aller Dokumente forderte aber viel mehr Zeit, vor allem jene des Nachlasses des 1990 verstorbenen Regierungsrats Ruedi Schümperli, der 1951 als SP-Nationalrat mit seinen Attacken auf den Ratskollegen Müller den Skandal auslöste. So erscheint die Würdigung dieser Affäre, die den Thurgau aufwühlte, erst jetzt in den Thurgauer Beiträgen zur Geschichte, die der Historische Verein des Kantons herausgibt.

Verständnis für den Thurgau von damals

Auf gegen zweihundert Seiten arbeitet Thomas Wunderlin den Skandal auf, wissenschaftlich gründlich, aber auch erzählerisch unterhaltsam. In vorbildlich klarer Gliederung spürt er seiner Leitfrage nach, weshalb sich die Thurgauer zuerst beim «Überfall» der eidgenössischen Steuerbeamten auf die Schuhfabrik Löw über «Gestapo-Methoden» empörten, sich schliesslich aber von Alfred Müller abwandten, obwohl dessen Mitwissen um den Steuerbetrug letztlich auch in einem Ehrverletzungsprozess offen blieb. Und dazwischen streut er aufschlussreiche Vignetten ein, so zu Ruedi Schümperli, zu AZ-Redaktor Ernst Rodel oder zum eifrigsten Sekundanten von Müller, TZ-Chefredaktor und FDP-Kantonalpräsident Edwin Altwegg, der für seine Lebenserinnerungen den Preis als selbstironischster Thurgauer Politiker verdient. Die Lektüre lohnt sich also für alle, die den Thurgau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstehen wollen.

Das aufwühlende Verbrechen in Sitterdorf

Darüber hinaus bietet der diesjährige Band des Historischen Vereins vier weitere Beiträge zu interessanten Themen. Der Wirtschaftsjournalist Adrian Knöpfli erinnert an die Anfänge des Elektrizitätswerks des Kantons Thurgau, und der Unternehmer Stefan Sigerist erzählt vom Kaufmann Friedrich Weber aus Diessenhofen, der auf den Molukken mit Perlmutt und Paradiesvogelfedern handelte, auch im Zweiten Weltkrieg unter japanischer Besatzung.

Der Archivar Adrian Oettli zeichnet ein Porträt des zu Unrecht kaum mehr bekannten Fabrikanten Heinrich Vogt-Gut (1853–1934): Der Sohn eines Arboner Spenglers baute eine bedeutende Firma für Kochherde, Gasleitungen oder Käsereieinrichtungen auf, wirkte aber als Patron auch für die Gemeinschaft, ob in der Kirchgemeinde, in der Schulvorsteherschaft oder im Bezirksgericht. Und der Jurist Stefan Wehrle spürt einem der aufwühlendsten Verbrechen im Kanton nach, dem «Lustmord» in Sitterdorf von 1934 – allerdings ohne Auflösung: «Bis heute konnte die Täterschaft nicht ermittelt werden, woran auch diese Arbeit nichts ändern wird.»

Markus Schär

thurgau@thurgauerzeitung.ch