Hilfe für die Kobolde der Nacht

Die Breitflügelfledermaus ist eine von 30 einheimischen Fledermausarten. Ihr Bestand hat im Thurgau drastisch abgenommen. Ein Forscherteam will die Gründe dafür herausfinden. Es beobachtet die nachtaktiven Tiere im Raum Altnau.

Urs Oskar Keller
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Die Fledermäuse wurden von den Forschern für ihr Projekt mit Unterarmklammern markiert. (Bild: Urs Oskar Keller)

Die Fledermäuse wurden von den Forschern für ihr Projekt mit Unterarmklammern markiert. (Bild: Urs Oskar Keller)

ALTNAU. Ein leises Zirpen ist unter dem Dach des ehemaligen Bauernhauses zu vernehmen. Mit einer Stirnlampe sucht der Thurgauer Fledermausexperte Wolf-Dieter Burkhard den Estrich ab. Sein Kollege René Güttinger, Zoologe aus Nesslau und seit 30 Jahren Fledermausbeauftragter des Kantons St. Gallen, sammelt Kot vom Dachboden für die Analyse ein. Das Zirpen dringt aus den Schindeln, über denen sich die Breitflügelfledermäuse aufhalten und wo im Juni die Jungtiere zur Welt kommen. In der Abenddämmerung verlassen die geheimnisvollen Tiere dann ihr Zuhause im Weiert in Altnau.

Die grösste Kolonie der Breitflügelfledermäuse im Kanton Thurgau befindet sich in Altnau. Nachdem früher bei Zählungen Bestände von bis zu 180 Tieren festgestellt wurden, beherbergt die Wochenstube derzeit noch dreissig erwachsene Mütter und bald auch ihre Jungen – so wenige Fledermäuse wie nie zuvor.

Kaum natürliche Feinde

Die Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus) kommt in der Schweiz nur in warmen Zonen in geringer Höhe vor. Fledermäuse haben wenige natürliche Feinde. Sie gehören zu jenen Lebewesen, die am meisten unter intensiver Land- und Forstwirtschaft sowie der Vernichtung natürlicher Lebensräume durch den Menschen leiden. Vom Fledermaus-Vorkommen kann, so meinen Fachleute, der Zustand der Biodiversität abgeleitet werden.

Breitflügelfledermäuse haben mit dem Verlust von Jagdlebensräumen und Beuteinsekten stark zu kämpfen. Viele ihrer traditionellen Quartiere wurden zerstört und Nahrungsquellen reduziert. Unterstützt wurde dieser Wandel durch ungerechtfertigte Vorurteile gegenüber Fledermäusen. «Wir haben es selbst in der Hand, unsere Umwelt zu verbessern und zu verschönern», glaubt der 50jährige Biologe Güttinger.

Mit Sender versehen

«Um Fledermäuse besser schützen zu können, müssen wir möglichst viel über ihre Lebensweise wissen. Dazu braucht es Forschungsprojekte», sagt Sabine Mari, Biologin bei Pro Natura in Basel. Je nach Fragestellung werden unterschiedliche Methoden angewendet. Für das diesjährige Thurgauer WWF-Projekt haben Burkhard und Güttinger drei Fledermäuse abgefangen, mit kleinen Unterarmklammern aus Aluminium individuell markiert und auf dem Rücken einen kleinen Sender ins Fell geklebt. Da die Sender bei Fledermäusen sehr klein und leicht sein müssen, ist ihre Lebensdauer kurz. Güttinger: «Die Minisender bleiben maximal zwei Wochen aktiv und fallen dann von selbst ab.» Es ist nicht leicht, den schnellen und äusserst wendigen Fledermäusen zu folgen, weshalb für die Peilung mehrere Personen notwendig sind. Zusätzlich zu den beiden Projektleitern stehen vier freiwillige Helfer, ausgebildete lokale Fledermausschützer, im Einsatz.

Tier 265 narrte die Forscher

Das Team hat während zehn Nächten die Fledermäuse geortet und ihre Jagdräume detailliert kartiert. «Wir haben alle drei Fledermäuse verfolgt. Das Tier 629 jagte nach Mitternacht südwestlich vom Dorf Herrenhof an einem Waldrand, wo sich zahlreiche Maikäfer vor allem auf mächtigen Eichen einfanden», sagt Güttinger.

Tier 265 dagegen narrte die Forscher mehrmals und verschwand jeweils innert kurzer Zeit in der Landschaft. Die intensive Suche im Umkreis von mehreren Kilometern brachte nichts. Die Fledermaus blieb verschwunden. Am nächsten Morgen waren sie alle wieder daheim unter dem Steildach.

Im Schnitt jagten die Tiere bislang in einem Umkreis von etwa vier Kilometern und waren zwischen zehn Minuten und einigen Stunden unterwegs. «Wir hatten oft Mühe, ihnen zu folgen, obwohl wir eine polizeiliche Ausnahmebewilligung zum Befahren von Feldwegen und Waldsträsschen haben», berichtet Burkhard.

Er zieht eine erste Bilanz: «Wir haben nun viele Informationen, was die gegenwärtigen Jagdhabitate und das Jagdverhalten anbelangt.» Vermutlich seien das Fehlen bestimmter Strukturen in der Landschaft sowie der zunehmende Mangel an grossen Insekten schuld am Bestandeszusammenbruch, ergänzt Güttinger. «Deshalb führen wir parallel zu den Beobachtungen im Feld auch Nahrungsanalysen anhand des Kots durch.»

Fledermausgerecht umbauen

Die Bewohner im Weiert in Altnau sind sich der kleinen Mitbewohner im Dach bewusst. Hausmiteigentümerin Barbara Rüttimann Haueter berichtet, dass sie bei Umbauplänen Rücksicht auf die Tiere nimmt. «Dank der Beratung von Herrn Burkhard konnten wir vor fünfzehn Jahren unsere Pläne fledermausgerecht umsetzen.» Das Reinigen der wenigen Kotrückstände auf dem Estrichboden gehe problemlos mit dem Staubsauger. «Zudem ist der Estrich ja nicht unser Hauptaufenthaltsort.»

Ob neues Dach, gedämmte Aussenwand oder Wärmeschutzverglasung: Wer etwas investiert, kann für die persönliche Klimabilanz eine Menge tun. Doch falsch angepackt, kann die Sanierung Fledermäusen, Vögeln und anderen Tieren schaden, die Quartiere im und am Haus beziehen. • ARBON 39