Hier wohnten die Pfahlbauer

In der Pfahlbauzeit zwischen 4500 und 800 vor Christus lebten die Menschen überall im Thurgau – nicht nur als klassische Pfahlbauer am Seeufer. Vorübergehend hatten sich die vorzeitlichen Thurgauer sogar ganz vom Bodensee zurückgezogen.

Christof Widmer
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Frauenfeld. Eschenz, Gachnang/Niederwil, Arbon und Hüttwilen – diesen vier Thurgauer Pfahlbaufundstellen hat die Unesco das Welterbe-Gütesiegel verpasst. Sie sind aber nur eine kleine Auswahl von Dutzenden von prähistorischen Siedlungen im Kanton, von denen die Archäologen heute wissen (siehe Karten).

Verzerrtes Siedlungsbild

Selbst die bekannten Siedlungen sind nicht repräsentativ für die Siedlungsstruktur. Die Erhaltungsbedingungen geben ein verzerrtes Bild wieder. Reste der Dörfer haben sich gut erhalten, wo feuchte Böden sie vor Zersetzung schützen – also vor allem am oder im Wasser. Andernorts haben Holz, Knochen oder Textilien die Jahrhunderte kaum überstanden. «Wir wissen 90 Prozent über 10 Prozent der Landfläche», sagt der stellvertretende Kantonsarchäologe Urs Leuzinger.

«Die Pfahlbausiedlung am Seeufer muss gar nicht typisch sein», sagt Leuzinger. Funde auf dem Thurberg und auf dem Sonnenberg zeigen, dass schon früh auch Dörfer landeinwärts standen. Auf dem Sonnenberg lokalisierten die Archäologen das älteste überhaupt bekannte Dorf im Thurgau. Auf dem Sporn lebten schon vor 6300 Jahren Menschen. Die eigentliche Pfahlbauzeit wird auf 4500 bis 800 vor Christus eingegrenzt.

Die Funde, die die Archäologen von den zeitlich aufeinanderfolgenden Siedlungen auf dem Sonnenberg machten, entsprechen laut Leuzinger jenen der zeitgleichen Seeufersiedlungen. Die Bevölkerung in der Jungsteinzeit (5500 bis 2200 vor Christus) und in der Bronzezeit (2200 bis 800 vor Christus) dürfte sich also über das ganze Gebiet verteilt haben.

Uferdörfer aufgegeben

Die meisten der 60 im Thurgau bekannten bronzezeitlichen Siedlungen sind Landsiedlungen. Die Ufer wurden zwischen 1500 und 1100 vor Christus verlassen. Als Grund sehen die Archäologen eine Klimaverschlechterung mit steigenden Seespiegeln. Die Menschen zogen sich zum Beispiel auf den Seerücken zurück.

Wo sich die Menschen zur «Pfahlbauzeit» niedergelassen haben, dürfte von strategischen Überlegungen abhängig gewesen sein. Die Siedlung auf dem Thurberg kontrollierte das Thurtal, jene auf dem Sonnenberg das Lauchetal. Die Siedlungen am Bodensee und am Rhein lagen an einer wichtigen Verkehrsachse. «Die Seen und Flüsse waren die Autobahnen von damals», sagt Leuzinger. Die Menschen wussten daraus ihren Nutzen zu ziehen. Sonst hätte die Pfahlbausiedlung in Arbon in der Bronzezeit kaum zu einem kleinen Städtchen heranwachsen können. Die Menschen am Ufer konnten neben der Landwirtschaft auf Fische als unbegrenzte Nahrungsquelle zurückgreifen. Auf dem Sonnenberg dagegen fallen die Knochen von kapitalen Hirschen auf.

Enge Kontakte

Die Dörfer waren voneinander nicht isoliert. So wohnten beispielsweise um 3700 vor Christus in Pfyn, Steckborn, Gachnang/Niederwil und in Hüttwilen/Ürschhausen zeitgleich Menschen. Diese Siedlungen liegen jeweils maximal 9 Kilometer auseinander. Es sei naheliegend, dass zwischen den Bewohnerinnen und -bewohnern der Nachbardörfer enge Beziehungen bestanden haben, sagt Leuzinger.

Bild: Christof WIDMER

Bild: Christof WIDMER